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2022-05-19 06:06:06, Jamal Tuschick

Die Zeit davor

„Mandelauge“ und „Minimaus“ sind zärtliche Zuschreibungen „aus der Zeit davor“. Bevor ein fürsorglicher Vater zum „sadistischen Narzissten“ mutiert, der sich zudem für ein mathematisches Genie hält, das in seiner Großartigkeit den Beweis der Riemannschen Vermutung erbracht zu haben glaubt.

„Die Riemannsche Vermutung ist eine bis heute nicht bewiesene Aussage über die Verteilung der Primzahlen …“ Wikipedia

Auf der Flucht vor seinen „sinkenden Testosteronwerten“ donnert der Risikojunkie im Cabrio über die Alpen - Kurt Ehre, ein Babyboomer wie aus einem Stuttgarter Intelligenz trifft Kapital-Bilderbuch und entsprechend erfolgreich als Anwalt der Autolobby im Ländle, anders gesagt: ein überdrehter, von überdrehten Superunternehmer:innen geschätzter, schwäbischer Staranwalt, dient den „Beweis“ naiv seiner Mathematik studierenden Tochter Juli/Julia/Jules an; auf das Juli die Welt mit der Behauptung täuschen möge, sie selbst habe das „Millennium-Problem“ (Quelle) gelöst.

Schauplatz des solventen Wahnsinns ist eine fiktive Stuttgarter Vorstadt - Suburbia Hell & Paradise.

„Feistes Schwemmgut vermögender Gebrauchtwagenhändler und Gas-Wasser-Scheiße-Imperialisten in schlecht sitzenden Hugo-Boss-Anzügen … das ist die Ederfinger Hautevolee.“

Schwäbische Superkraft

Wenn in Württemberg Kleinstadtadoleszenten sagen, wir ziehen in die Stadt, dann meinen sie nicht Stuttgart, sondern Berlin. Das schrieb Marie Luise Scherer in einer Reportage, die 1988 in dem Band „Ungeheurer Alltag“ erschien. Jahrzehnte später erinnert sich die Heldin in Claudia Schumachers Roman „Liebe ist gewaltig“, wie sie neunzehnjährig, gemeinsam mit dem „sanften Riesen/Bären Ben“, im „Drittwagen“ ihrer bizarr erfolgreich/unglücklichen Eltern, „einem Kleinbus“, ihr Kinderzimmer aus dem „ererbten Anwesen“ in dem fiktiv-schwäbisch-beschaulichen Ederfingen (Richard-Wagner-Straße 7) nach Berlin verfrachtete, wo dann das Leben über Juli noch einmal anders als im familiären Ring of Fire* hereinbrach.

*„Der Pazifische Feuerring rahmt den Pazifik von drei Seiten. Er zieht sich über 40.000 Kilometer entlang der … es handelt sich um eine der aktivsten Vulkanregionen der Welt.“ Quelle

Claudia Schumacher, „Liebe ist gewaltig“, Roman, dtv, 371 Seiten, 22,-

Die Mutter als Tatortreinigerin - Zurück auf Los

Dem Vater eilt das Gerücht voran, er hätte auch als VFB-Profi Karriere machen können. Der Obstbauernsohn beeindruckt sein Publikum mit Jürgen-Habermas- und Oscar-Wilde-Zitaten. Bevor Kurt E. sich in einen prügelnden Tyrannen verwandelt …

eine glamouröse Gattin/„weinerliche Furie“ spielt die Gewalt herunter, sie wischt das Blut weg. Juli hadert mit der konsumgeilen, überkommene Rollenmuster penetrant perpetuierenden Mutter, die dem Schläger nichts entgegensetzt. Womöglich versäumt es die Tochter, den Rinnsalen der mütterlichen Verzweiflung bis zu den Labyrinthen heimlicher Gegnerschaft zu folgen. Man ahnt eine unentdeckte Dimension …

… durchläuft er eine Phase als liebevoller Patron. Das Kind Juli folgt Spuren eines vergangenen Glücks, während es im Wettbewerb mit seinen Brüdern Bruno und Max auf dem klassischen Überforderungsparcours bestmöglicher Ergebnisse, ob in der Schule (lauter Einsen mit Sternchen) oder als Pokale einheimsende Eiskunstläuferin, die Geschwister deklassiert und zur Paradetochter eines Cholerikers avanciert. Doch schon mit dreizehn beginnt die Fassade zu bröckeln.

Eine ältere Schwester ist „immun gegen den Zwang zur Größe“. Alex beeilt sich, der „durchgeknallten Aufschneiderfamilie“ in die Normalität eines Angestelltendaseins in rheinischer Beschaulichkeit zu entkommen.

*

„Als Teenie fand ich es romantisch, suizidal zu sein.“

Juli verliert ihre Premiumposition. Knapp entgeht sie psychiatrischen Zwangsmaßnahmen. Man schickt sie zur Kur nach Bad Auenried. Im Sanatorium begegnet sie der auf Kaffee mit Schuss geeichten Magic Margot und dem erschöpfungsdepressiven Volksbank-Angestellten Gerhard.

Die Wiedereingliederung in den schulischen Alltag erfolgt in einem Abstiegsszenario. Ein katastrophaler Höhepunkt ergibt sich in häuslicher Gewalt, die von Juli ausgeht und sich gegen ihre Mutter richtet.

Das einem Klan rumäniendeutscher, in der Migration exzentrisch gewordener Ex-Großgrundbesitzer entstammende Opfer changiert in der töchterlichen Wahrnehmung zwischen Leidtragender und Mittäterin.

„Rückzugsgefechte in den Narrativen“ (Carlo Masala über Putin)

Wie gesagt, Juli erklärt ihre Mutter zu einer semi-dolosen Erfüllungsgehilfin männlicher Dominanz.

„Schmink dich bitte und zieh dir etwas Vorteilhaftes an.“

Der Charakter einer Scheinabhängigen, auch die Mutter ist Anwältin, spezialisiert auf Sorgerecht und oft auf der Väterseite engagiert, erscheint als schwelende Ruine.

Brute Force - Doktorandin und Profi-Gamerin

Als Jules rangiert Juli ganz weit oben in der Counter-Strike-Player-Szene. Sie siegt bei der Global Challenge Dubai. Mitspieler:innen nennen sie Bro.

Juli erlebt Räusche „konzentrierter Aggression“. Sie liebt Sanyu Cooper, die ihren Geburtsnamen Sandy an ihrem achtzehnten Geburtstag änderte, um sich selbst gerecht zu werden.

Nachtrag

Warum verliert Kurt nicht an Boden? Warum geht Julis Vater nicht zu Boden? Warum lassen sich keine „Rückzugsgefechte (wenigstens) in seinen Narrativen“ (Carlo Masala) feststellen?

An einem temporären Endpunkt konstatiert die einordnende Instanz:

„(Juli) hatte die Fassade ihres Elternhauses einreißen wollen, wurde aber als einzige unter dem Bauschutt begraben.“

*

Mit dem muskulösen Sachsen Thilo gewinnt Juli, die sich jetzt Julia nennt, neuen Schwung.

„Sie (bewundert) seine Selbstsicherheit.“

Der Mann aus Hoyerswerda will Nägel mit Köpfen machen. Julia riecht für ihn wie die Mutter seiner Kinder, so verheißungsvoll. Doch bald erkennt Thilo, dass er die Rechnung ohne die Wirtin gemacht hat.

Claudia Schumacher, 1986 in Tübingen geboren, verbrachte ihre Jugend im Stuttgarter Speckgürtel. Nach dem Studium in Berlin folgten sieben Jahre in Zürich, wo sie als Journalistin und Kolumnistin arbeitete, Redakteurin bei der ›NZZ am Sonntag‹ war. Heute lebt die Autorin in Hamburg und schreibt unter anderem für ›DIE ZEIT‹.