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2022-05-16 05:25:05, Jamal Tuschick

Alpiner Augenblick

„Ich meditiere, obwohl in mir die Teufel der Hölle tanzen.“

Linda Lenz in einem alpinen Augenblick oberhalb der Baumgrenze und ohne Mobilfunknetz.

Alpenglühen © Jamal Tuschick

YouTube-Spiritualität

Die „Biwakschachtel“ der Bergrettung Lech am Arlberg, Notruf 144, steht als „Schaustück … (und) leuchtender Kubus (am Stierlochkopf) auf 2354 Meter.“ Quelle

Als Franziska nach einem herausfordernden Anmarsch und Aufstieg drei Freundinnen aus ihrer Bregenzer Internatszeit den Stolz der Bergwacht präsentiert, sehen die Erschöpften bloß eine „Notunterkunft“, die nicht den geringsten Komfortbedürfnissen genügt.

„Kein Klo, kein Bett, kein Herd.“

Zum Ausgleich bietet sich Linda, Katja, Susanne und eben Franziska ein berauschendes Erdzeit-Panorama, belebt von Steinböcken und Feuersalamandern. Linda Lenz, abstinent und vegan seit drei Jahren, stellt Fauna und Flora in eine spirituelle Ordnung. Katja Stark, eine im Corona-Kontext arbeitslos gewordene Eventmanagerin, geht Esoterik gegen den Strich und auf die Nerven. Der handfesten Land- und Pensionswirtin Susanne Herz fehlt nicht jeder Sinn für das Chakren-Trallala rund ums „innere Feuer“.

Daniela Alge, „Das Geschenk der Adlerin“, Roman, Insel Verlag, 10,95 Euro

Heimlich huldigt Susanne einer YouTube-Spiritualität. Auch ihr leuchtet das Alpenglühen über dem Spullersee heim. Es illuminiert „die unter den Tisch gekehrten Geschichten und die vermüllten Winkel“ eines aufreibenden Alltags, in dem niemand nach Susannes Bedürfnissen fragt.

Und jetzt kommt die Mutter von vier Kindern wieder zu kurz in einer Gemengelange voller aufkeimender Animositäten.

*

Hinter der Initiatorin des Ausflugs liegen siebzehn Umzüge, sechzehn davon als prekär-nomadische Alleinerzieherin. Franziska Brenner, einst eine erfolgreiche Skispringerin, lebt nun in Tettnang am Bodensee und stabilisiert sich mit Dauerläufen. Überrundet weiß sich Franziska längst von ihrer tüchtigen, gleichwohl „wurzellosen“ Tochter Elina, während deren Zwillingsschwester Mara wegen eines Schütteltraumas der normale Radius fehlt. Einschränkungen erzwingen den Aufenthalt in einer „Einrichtung“.

Alle hängen an Strickleitern des Selbstbetrugs. Alle balancieren über ihrem persönlichen Abgrund in unserer Wohlstandsgesellschaft. Kurz vor der ersten Krise dekoriert die ewige Wirtin den Abendbrottisch mit einer Alpenrose; von Vorgängerinnen in einem „Essiggurkenglas zurückgelassen“. Franziska stürzt beim Austreten über ihre Schnürsenkel, bevor sie einen Adler sieht, siehe Titel.

Da die Corona-Pandemie als Marke im Roman auftaucht, datiert die Autorin den Ausflug entweder auf den 20. Juni 2020 oder auf den 21. Juni 2021.

Die Freundinnen begehen den Abend mit der Aussicht auf die kürzeste Nacht des Jahres. Sie kommen vom biografischen Hölzchen aufs Stöckchen, während sie vom Rotwein zum Weißwein übergehen.

Susanne passiert das Malheur. Als sie sich ihre Mütze aus der Butze holt, lässt sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Der Schlüssel liegt neben dem Baguette auf dem Tisch.

Aus der Ankündigung

Zwanzig Jahre nach dem Abitur lädt Franziska drei Schulfreundinnen zu einer gemeinsamen Bergtour ein. Mit Rucksäcken voller Geheimnisse, Geschichten und Sorgen machen sie sich auf den Weg zum Arlberg. Das Abenteuer beginnt mit einer fröhlichen Pick-up-Fahrt zum Fuß des Berges, doch bald schon verfliegt die Leichtigkeit: Der Anstieg zum Stierlochkopf ist beschwerlich, und sie müssen sich den Herausforderungen der Natur stellen.

Ihr Nachtlager schlagen die vier Frauen direkt unterhalb des Gipfels auf. Unter sternenklarem Himmel tauschen sie Erinnerungen an die Schulzeit aus, erzählen von ihren Lebenswegen, da kommt es zum Streit … Die Freundinnen müssen erkennen, dass sie einander nach all den Jahren fremd geworden sind. Ob es gelingt, die Freundschaft zu retten?

Ein Roman über eine besondere Frauenfreundschaft, schicksalhafte Entscheidungen und die inspirierende Kraft der Natur.

Daniela Alge, 1975 geboren, lebt mit Mann und Kindern auf einem Biohof im Allgäu. Sie hat Regionalkrimis in einem kleinen Lokalverlag veröffentlicht.