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2022-05-12 07:48:04, Jamal Tuschick

Ethnische Masken

„Ein Kroate mag sich in Venezuela als Russe ausgeben können, in Russland wird er damit nicht weit kommen.“ Matti Friedman

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„Bei den Juden … ist, wie Yonatan Ben-Nahum schreibt, das Spiel mit ethnischen Masken keine militärische Strategie … sondern Überlebenstaktik verfolgter Nomaden, die zu ihrem eigenen Schutz ihre Herkunft vertuschen müssen“. MF

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„Sind wir vielleicht voreilig in der Annahme, dass das Lächeln des Säuglings nicht Verstellung ist?“ Ludwig Wittgenstein

Soziale Vermummung und habituelle Dissens-Marken

„Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten … zu verbergen. Aber genau das Gegenteil (trifft zu). Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“ Victor Klemperer

Ahnungslos exponiert Klemperer einen Schwachpunkt der sozialen Vermummung jener jüdischen Kombattanten, die nach dem Mista‘aravim-Konzept als Araber in der Keimzeit der israelischen Staatsgründung arabische Milieus infiltrierten. Da die Mizrachim kein äußeres Merkmal unterschied, war die geistige Differenz um so kostbarer. Habituelle Dissens-Marken konnten tödlich sein.

Matti Friedman, „Spione ohne Land. Geheime Existenzen bei der Gründung Israels“, auf Deutsch von Tim Schneider, Hentrich & Hentrich, 24.90 Euro

Im Präsens der Pioniere

1948 - In Beirut herrscht das Laissez-faire der französischen Kolonialmacht. Man lässt es gemächlich angehen, während in Haifa und Jerusalem die Feinde unversöhnlich aufeinandertreffen. Mitunter bedarf es bereits einer Ausrede, weshalb man nicht beim Dschihad mitmischt und fern der Front noch jene Ruhe findet, die es braucht, sich so weit weg vom Schuss nicht schon außerhalb der Welt zu fühlen.

Das sticht und kitzelt, so von hinten durch die Faust ins Auge der Feigheit bezichtigt zu werden. Doch für die Agenten der Palmach‘s Arab Unit aka Mahleket Hashshar aka The Dawn Unit steht viel mehr auf dem Spiel als das Prestige ihrer Legenden.

Sie müssen arabische Siege bejubeln und sich über jüdische Opferzahlen freuen, während ihnen zum Heulen zumute ist.

Beirut füllt sich mit Palästinenserinnen und Palästinensern im Sog von Flucht und Vertreibung. Die Polizei reagiert auf die vielen Fremden in der Stadt mit Durchforstungen der Absteigen.

Vom Leben am Rand und im Schmutzsaum einer drangsalierten Minderheit zur Avantgarde der Chaluzim im Kampf um Eretz Israel

Der aus Aleppo gebürtige Isaac ‚Jizhak‘ Shoshan aka Zaki Shasho aka Adbul Karim Muhammad Sidki und sein Gefährte Havakuk Cohen, der sich Ibrahim nennt, suchen eine private Unterkunft, um den Routinekontrollen zu entgehen. Sie hoffen auf eine zufällige Begegnung mit ihrem Genossen Gamliel Cohen, heute geehrt als „one of the fathers of Israeli espionage“ (Wikipedia), der als Yussef el-Hamed unterwegs ist.

Ihr nachrichtendienstliches Repertoire erschöpft sich in Mut und Zuversicht. Sie haben nichts außer ihren Hoffnungen. Sie kommen bei einer Christin unter, da Muslime keine männlichen Nicht-Verwandten in ihren Haushalten dulden. Die Wirtin entpuppt sich als neugieriges Scheusal. Isaacs und Havakuks pseudo-arabische Biografien werden auf die erste Feuerprobe gestellt.

Das erste soziale Manöver endet desaströs. Ein Hygieneartikel verrät Isaak alias Abdul, nach eigener Angabe „palästinensischer Muslim aus der Arbeiterklasse“. Kein arabischer Proletarier verwendet europäisch-dekadentes Toilettenpapier. Man wäscht sich den Hintern mit Wasser.

Verstimmt und doch entschlossen

Treten wir einen Schritt zurück. Betrachten wir das ganze Bild. Im Zweiten Weltkrieg gerät die königlich-britische Armee zunächst so unter Druck, dass sie den Kreis der Verbündeten ausweitet, bis hin zu merkwürdigen Allianzen. Die Zionist:innen um David Ben-Gurion akzeptieren verstimmt und doch entschlossen eine Waffenschwesternschaft von historischer Brüchigkeit.

Ben-Gurion dekretierte: “We must help the British in the war as if there was no White Paper, and we must stand against the ‘White Paper’ as if there was no war”. Quelle

Zu den illustren Akteuren zählt der Schriftstelleroffizier Patrick Leigh Fermor. Im ersten Durchgang befähigt er deutsche Juden zur Infiltration von Wehrmachtseinheiten in Nordafrika. Die Operationen erfolgen unter dem Schirm der Special Operations Executive.

Ferner setzt die SOE auf Nicholas Geoffrey Lamprière Hammond. Den Gräzistik-Experten und Bletchley Park-Charakter qualifiziert die unorthodoxe Perspektive. Er ist einer jener, die mit einer Hand die Waffe führen und mit der anderen eine Gedichtzeile notieren. Dem anrückenden Feind schenkt so ein Hammond eben so viel Aufmerksamkeit wie nötig. Gleichzeitig entziffert er antike Inschriften und gewinnt eine gültige Vorstellung von der Topografie des Gefechtsfeldes, unter Berücksichtigung historischer Unterschichten. Es versteht sich von selbst, dass er jede Gelegenheit zu archäologischen Studien nutzt.

“In a small boat off Crete, Hammond narrowly escaped a hail of machine gun bullets from a German bomber and consequently survived to reach Cairo.” Quelle

Hammond unterrichtet Hagana-Kämpfer und künftige Kultfiguren wie Moshe Dayan und Yigael Yadin.

Als Lehrstuhlinhaber muss sich Yadin viel später mit dem Diebstahl bedeutender Artefakte beschäftigen. „In dem Fall, da der Diebstahl dem berühmten (einäugigen) General Dayan angelastet wurde, bemerkte er: ‚Ich weiß, wer das getan hat, und werde nicht sagen, wer es ist, aber wenn ich ihn erwische, werde ich ihm sein anderes Auge auch rausreißen.‘“ Wikipedia

So weit sind wir noch nicht, als Hammond den vielversprechenden jungen Männern das Einmaleins des Guerillakrieges beibringt. Das Muster dient dann zur Vorlage für den weitgehend illegal vorangetriebenen Aufbau der arabischen Sektion in einer Phase gleichermaßen unterkühler und überhitzter Beziehungen zwischen der Mandatsmacht und den israelischen Pionier:innen.

Das fand ich eben und will es Ihnen nicht vorenthalten:

„Dayan war ein ‚mythologischer Tzabar‘, und Teil der ‚ersten erlösten Generation‘: Seine Eltern waren mit der Ersten Aliya* ins Land gekommen, er selbst wurde nicht nur im Land sondern auch noch im Kibbutz Deganya geboren - dem ersten Kibbutz überhaupt - und wuchs in Nahalal, dem ersten Moshav auf.“ Quelle

* Aliya bedeutet im Hebräischen Aufstieg. Elaboriert man den Begriff, bedeutet Aliya das Ende der Diaspora und die Heimkehr aus der Zerstreuung. Es gab eine vormoderne Aliya im osmanischen Palästina. Die Restriktionen unterlaufende Einwanderung nannte man Aliya Bet.

Die ersten Spione Israels der Neuzeit - Vier im roten Kreis

Um einmal wieder auf Matti Friedmans Fact-Thriller zurückzukommen: Isaac und Havakuk werden Israelis in Absenz. Am 14. Mai 1948 verliest Ben-Gurion die Proklamation. In ihrer Konsequenz attachieren die Palmach-Aktivisten im Libanon zu Spionen einer feindlichen Macht.

Zufällig treffen die Versprengten ihren Kameraden Gamliel Cohen alias Yussef. Er markiert einen Ladenbesitzer. Ein vierter Agent vergrößert den roten Kreis. Er heißt Shaul und nennt sich Tawfiq. Die Besitzlosen ziehen einen Kiosk auf. Die Kommunikation mit dem israelischen Generalstab verstetigt sich.

Postkoloniales Dekor

Auf dem einzigen Rollfeld des Landes identifizieren die Agenten Attrappen, die eine militärische Stärke vortäuschen sollen, die bald Realität wird. Am 1. Juni 1949 gründet sich die libanesische Luftwaffe auf der Rayak Air Base in der Regie der Royal Air Force. Die Instruktoren genießen Familienanschluss. Man ist zum Bleiben entschlossen. Die Basis erweitert den britischen Einfluss zum Nachteil Israels.

“The base had connections with Airforce bases on Cyprus.” Wikipedia

Aus der Ankündigung

Matti Friedman schreibt die bislang unerzählte Geschichte der geheimnisvollen „Arabischen Sektion“, einer Gruppe jüdisch-arabischer Spione, die im Zweiten Weltkrieg von britischen Spionen und jüdischen Militärführern gegründet wurde. Da sie sich aus Juden zusammensetzte, die aus arabischen Ländern stammten und somit leicht für Araber gehalten werden konnten, war sie dafür auserkoren, geheime Informationen zu sammeln, Sabotageakte und Attentate zu verüben. Als 1948 der erste jüdisch-arabische Krieg ausbrach und große Teile der arabischen Bevölkerung Palästinas vor den Kämpfen flohen, schlossen sich einige Sektionsagenten als Flüchtlinge getarnt diesen an. Sie zogen nach Beirut, wo sie zwei Jahre undercover von einem Kiosk aus operierten und ihre Nachrichten über eine als Wäscheleine getarnte Sendeantenne nach Israel funkten. Während ihrer gefährlichen Arbeit waren sie sich oft nicht sicher, wem sie Bericht erstatteten und manchmal sogar, wer sie selbst geworden waren. Von den zwölf Männern der Einheit zu Beginn des Krieges wurden fünf gefangen und hingerichtet. Aber schließlich wurde ihre Sektion zur Keimzelle des Mossad, Israels Geheimdienst.

Friedman vermittelt überraschende Einblicke in das Wesen des Staates Israel – ein Land, das nach eigenem Selbstverständnis Teil der europäischen Geschichte ist, obgleich mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung aus Ländern des Nahen Ostens stammt. Für alle, die sich für echte Agenten und die Paradoxien des Nahen Ostens interessieren, ist „Spione ohne Land“ eine intime Geschichte von globaler Bedeutung.

Matti Friedman ist ein mehrfach preisgekrönter Journalist und Autor, dessen Texte u. a. in der New York Times, The Atlantic, Tablet und Smithsonian veröffentlicht wurden. „Spione ohne Land – Geheime Existenzen bei der Gründung Israels“ wurde mit dem Natan Prize 2019 und dem Canadian Jewish Book Award ausgezeichnet. „Pumpkinflowers – Bericht eines Soldaten über einen vergessenen Krieg“ stand 2016 auf der Jahresliste der „100 Notable Books“ der New York Times und wurde auf Amazon zu einem der 10 besten Bücher des Jahres gekürt. Sein erstes Buch „Der Aleppo-Codex“ erhielt 2014 den Sami-Rohr-Preis und die ALA's-Sophie-Brody-Medaille. Matti Friedmann wurde in Toronto geboren und lebt in Jerusalem.