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2022-05-08 05:54:16, Jamal Tuschick

Gewagte Stellen

In ihrem soeben bei Suhrkamp erschienenen Roman „Ich werde leben“ reagiert Lale Güls adoleszente Erzählerin auf den Mohammed-Karikaturenstreit. Sie resümiert:

„‚Wer ein bisschen Grips hat, kann sich die Gewalt ausmalen, für den Fall, dass man eine Person verspottet, die für so viele Menschen auf der Welt heilig ist. Deswegen weiß ich nicht, warum die Leute sich so aufregen‘, sagte ein Mann. Wer braucht schon Wissen und Fachkenntnis, wenn er gesunden Menschenverstand hat? Aber wer weiß, und er hat Recht. Wählt man seine Feinde, sollte man die wirklich gefährlichen Typen besser links liegen lassen.“

*

Mitte der 1950er Jahre verklagte die katholische Kirche, verschanzt hinter zwei vorgeblich unabhängigen Anwälten, den Schriftsteller Arno Schmidt (1914 - 1979) wegen Pornographie und Gotteslästerung.

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Inkriminieren ließ sich zur Hochzeit der Adenauer-Restauration im Wirtschaftswunderland folgende Sentenz:

„Der ‚Herr‘, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach fällt oder zehn Millionen im KZ vergast werden: das müsste schon ‘ne merkwürdige Type sein - wenn‘s ihn jetzt gäbe!“

Die Bemerkung stammt aus dem Roman „Seelandschaft mit Pocahontas“ (1955). Ein Amtsrichter echauffierte sich nach der Maultrommelmelodie des gesunden Menschenverstandes: „Dergleichen an Schmutz habe er noch nie gelesen.“

Neben Schmidt standen Alfred Andersch und Luchterhand-Chef Eduard Reifferscheid am Pranger. Der im Verhältnis zu dem Sperrigen fördernd wirkende Kollege Andersch verantwortete sich in der Herausgeberrolle. Andersch edierte das Organ der Erstpublikation von „Pocahontas“ - das nur zwei Jahre in Gang gehaltene Luchterhand-Periodikum Texte und Zeichen. Der Notveröffentlichung vorangegangen war ein Zerwürfnis mit Rowohlt.

Pocahontas war zwar ein in Deutschland entlegenes und beinah unerreichbares Sujet. In den Vereinigten Staaten kursierte die antike First-Nation-Persönlichkeit aber als Allgemeinplatz. Höre Fever, ein 1956 von Eddie Cooley und John Davenport geschriebenes Lied mit dem Vers:

Captain Smith and Pocahontas/Had a very mad affair.”

Bereits der Name der Heldin zeigt in mehr als einer Deutung an, wie kritisch Pocahontas von ihren uramerikanischen Zeitgenoss:innen wahrgenommen wurde. Sie wurde zum Symbol eines Mythos, nach dem die europäische Kolonisation der Neuen Welt ein harmonisches Unterfangen im Kleid der Liebe gewesen sei.

Ländliche Leidenschaften

Der Prozess fand in einem Meinungsklima statt, das Schmidts Standpunkte erstaunlich weiträumig marginalisierte.

Der Autor monierte einen allgemeinen Mangel an Bereitschaft, „Worte wie Hunde auf die Leute zu hetzen“. Das erklärte er 1953 in einem Brief an Martin Walser. Den Status quo verglich Schmidt in dem Schreiben mit einem „gallertartigen Aggregatzustand“.

Sein neuer Verleger Ernst Krawehl verlangte vom deutschen Joyce Zugeständnisse an einen fundamentalistisch post- wenn nicht krypto-faschistischen Zeitgeist. Kritiker fanden Schmidts Avantgarde-Attitüde verblasen. Ein mächtiger Feuilletonist vernahm in „Seelandschaft mit Pocahontas“ eine provinzgeile Note. „Unter fadenscheinigen Vorwänden (käme es den Akteuren, übrigens beim Camping am Dümmer See bloß) aufs Rammeln an“.

Schmidts Gegner setzten vor Gericht die Prosa herab. Nach ihren Begriffen schützte die Kunstfreiheit den Text nicht, da er keine Kunst sei. Dem wurde erfolgreich widersprochen. Allein der Vorwurf der Gotteslästerung hielt sich.

Das Ehepaar Schmidt entzog sich dem katholisch-radikalen Prozessort Trier in die hessische Liberalität von Darmstadt, wo man die Sache für verjährt hielt. Es entwickelte sich dann doch noch ein wanderndes Verfahren, dessen letztgültige Einstellung im Sommer 1956 erfolgte.

Das Gutachten des Präsidenten der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt rehabilitierte den Delinquenten nicht nur.

Hermann Kasack führte aus:

„Arno Schmidt ist eine der eigenwilligsten Erscheinungen in der modernen Avantgardistischen Literatur. Charakteristisch für seine Prosa sind: die Kühnheit der Thematik, die ätzende Schärfe des kulturellen Inhalts …“

Kasack verlieh Schmidt die höheren Weihen. Jener ging (in der historischen Betrachtung) nobilitiert aus das Gerichtstheater; indes ohne Kenntnis von Kasacks Intervention. Doch wusste nun jede Studienrätin, was für ein formidabler Zeitdiagnostiker dieser nussknackerische Wald- und Wiesenerotiker war.

*

Wie gesagt, die katholische Kirche focht den Streit nicht mit offenem Visier aus. Graue Eminenz hinter den Juristen K. Panzer und Paul Weimann war der Kölner Priester Wilhelm Johannes Böhler, ein Spitzenmann der klerikalen Funktionselite. Böhler hielt kirchenamtlich Verbindung zur Regierung. Er war Gründer der Katholische Nachrichten-Agentur.

Sein Engagement brachte ihm den Titel Exzellenz ein. Die Schmidts nagten weiter am Hungertuch.

Aus der Ankündigung

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers

Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet.

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.