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2022-05-06 06:27:35, Jamal Tuschick

Frühe Formulierungen

„‚Sie werden keine Kinder bekommen.‘ Der Satz stellt Kathis Leben auf den Kopf.“ Aus der Ankündigung

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„Jede gute Geschichte handelt von Sex, Tod und Tieren.“ Lea Streisand

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„Sage vergeht nie ganz … denn sie ist unsterbliche Göttin.“ Motto der Grimm’schen Hausmärchensammlung

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„Mythen sind sehr frühe Formulierungen kollektiver Erfahrungen.“ Heiner Müller

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„Wenn man betroffen ist, hört die Ästhetik auf.“ HM

In Märchen ergeben sich Groteskformen, Zuspitzungen und ungerechte Darstellungen als Aufgüsse des Sagenhaften. Nennt Lea Streisands Heldin Katharina Wolf, Rufname Kathi, ihre Doktormutter E. Hollerbusch Frau Holle, dann steckt in der Verballhornung die christliche Überformung einer Erscheinung von göttlicher Potenz. Zu den monotheistischen Gehorsamsleistungen bekehrter Animisten zählten Herabsetzungen der Akteure in diversen Götterhimmeln. Man degradierte die Göttin Holla aka Hulda etc. zur Schneewartin auf dem Hohen Meißner. In den Verkleinerungen und Vergröberungen erhöhte sich der Zugehörigkeitsgrad zum irdischen Personal.

Übrigens erkennt Kathi eine Verwandtschaft von Frau Holle mit Knecht Ruprecht. Frau Holles Vorgängerin, u.a. als Perchta bekannt, bestrafte in einem vorchristlichen Kosmos nach jenem ordnungsprinzipiellen Konzept, dem Nicklausens Handlanger entspricht.

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Für Michel Serres sind Mythen nicht bloß geronnene Erfahrungen, sondern Kassiber eines Vorwissens. Er sieht in Mythen der Menschheit vorgesetzte Wahrheiten.

Lea Streisand, „Hätt‘ ich ein Kind“, Roman, Ullstein, 19,99 Euro

„Hätt‘ ich ein Kind“ - Der Titel paraphrasiert einen Wunsch, der ein Standardmotiv Grimm‘scher Märchen sein soll. Das behauptet die Erzählerin im Gespräch mit ihrer Freundin Effi.

„‚Ist dir mal aufgefallen … dass jedes zweite Märchen mit einem unerfüllten Kinderwunsch losgeht.‘“

In ihrer Dissertation erforschte sie „Frauenfiguren in den Märchen der Brüder Grimm“. Kathi untersuchte Metamorphosen vom Mythos zum Märchen; wie dann auch die Wandlungen unter nationalistischen Vorzeichen. Die aversive Abwehr des Napoleonischen wirkte sich auch auf die deutschen Adaptionen französischer Märchen aus.

Im Weiteren ergründet Kathi bis zur Handlungsgegenwart die Untiefen eines unerfüllten Kinderwunsches. Nebenbei entlarvt sie den Mythos der natürlichen Mutterliebe; ein Thema über das schon Kathis Mutter akademisch gearbeitet hat. Der Erzeuger erscheint als Sidekick der Premiumprotagonistinnen. Dazu passt:

„Die Märchen … sind fast ausnahmslos Geschichten dysfunktionaler Eltern.“

Die Autorin schildert eine Lebenslücke als biografischen Gehwegschaden aus. Kathi ordnet alle und alles dem Kinderwunsch unter, sogar den in die Zeugungspflicht genommenen David, dessen Vorzüge gründlich herausgestellt werden, um den Kontrast zu all den zuvor gezogenen Nieten besonders schroff wirken zu lassen.

Gleichwohl setzt Kathi dem so beziehungsbegabten David die Pistole auf die Brust. Die beiden nehmen mit einer Komplettbilliglösung des kommunalen Wohnungsbaus vorlieb. Sie ertragen eine furiose Nachbarin, die mit fünfzehn zum ersten Mal schwanger wurde. Gemeinsam gehen sie den steinigen Weg des Adoptionsverfahrens.

Ich weiß, da liegt der Hase im Erzählpfeffer. Frau Holle ist gar nicht so interessant für Kathi. Mich lockt aber die germanistische Entschleierung des Grimm’schen Unterfangens. Die Brüder waren keine Kinderbuchautoren, wie Lea Streisand feststellt. Sie verschriftlichten das Mündliche. Ich füge ein, dass ich ausgerechnet bei den Grimms einen Vorbehalt gegen Buchstaben fand. Buchstaben als Angriff auf das Gedächtnis/Buchstaben als Profanisierungsmedium.

In Grimms Märchen grassiert Mikrosomie. Man weiß, dass zur Arbeit in Minen herangezogene Kinder halbwüchsig verwelkten. Zu ihrer Kluft gehörte die Haube, ohne die kein Gartenzwerg auskommt. Jeder Zwerg bewahrt eine Erinnerung an Erniedrigungen im Stollendienst.

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Wenn Brüder streiten. Wilhelm will die gemeinsam gesammelten Hausmärchen mit pädagogischem Eros peppen und als Erziehungsbuch für Deutsche der Welt überlassen. Jacob sucht Natur und Wesen der Märchen im Wald und bei den Wölfen. Dieser Grimm sieht das Grauen in den Mythen, er ringt mit dem Anders-Ich, zieht sich aus und springt in die Rüben.

Das habe ich jetzt dazu gedichtet. Kathi ist auf einem anderen Dampfer. Um im Gestaltungsmodus zu bleiben, nein, um ihr Leben nicht zu verlieren, prescht sie vor, bis sie „im Wartepool mit den anderen Unfruchtbaren um die Wette schwimmt“.

Doch schließlich kommt das Glück auch zu Kathi.

Weiter aus der Ankündigung

Sie ist Mitte dreißig, promoviert über Grimms Märchen und lebt mit ihrem Freund in einer kleinen Wohnung in Berlin. Keine Kinder zu haben, war nie eine Option. Als ihre beste Freundin Effi schwanger wird, ausgerechnet ihre Effi, ihre zuverlässigste Verbündete, stellt Kathi sich der Wahrheit - und einen Adoptionsantrag.
Die beiden Freundinnen tragen sich gegenseitig durch die folgenden Monate, lachen, auch wenn es manchmal zum Heulen ist, und werden zu Müttern. Jede auf ihre Art.

Pressetext

Wann ist eine Mutter eine gute Mutter?!? Dann, wenn sie ein Kind selbst bekommen hat? Wenn sie der natürliche Ursprung des Kindes ist? Und was ist mit den Müttern, für die ausschließlich eine Adoption in Frage kommt? Wie geht unsere Gesellschaft mit den Frauen um, die aus evolutionärer Sicht „versagen“?

Dieser Frage geht die Berliner Kolumnistin und Buchautorin Lea Streisand in ihrem neuen Buch „Hätt ich ein Kind“ nach – und wir möchten Sie anlässlich des bevorstehenden Muttertages, besonders gerne auf diesen Roman aufmerksam machen.

„Und?“ Sie musterte uns wie ein Viehhändler die neue Ware. „Sie wünschen sich also ein Kind.“

Wir nickten ängstlich.

„An wem liegt‘s denn?“

Ich atmete pfeifend ein und hob die rechte Hand: „An mir. Verfrühte Wechseljahre.“

Sie sah mich streng an, meine Stimme verebbte. Ich senkte den Blick. Sie machte einen Vermerk in ihrer Akte, dann schaute sie meinen Freund an und fragte: „Und sie wollen auch Kinder?“ David nickte abermals. „Und Sie sind zeugungsfähig?“

Nicken.

Sie fesselte ihn mit ihrem Blick zu einem kompakten kleinen Paket, er konnte keinen Muskel mehr rühren, dann schlug sie vor: „Suchen Sie sich doch ‘ne andere Frau!“

Wir waren so perplex, dass wir anfingen zu lachen.

Nach „Im Sommer wieder Fahrrad“ (Ullstein, 2016) und „Hufeland, Ecke Bötzow“ (Ullstein, 2019) erzählt Lea Streisand in „Hätt‘ ich ein Kind“ (Ullstein, 2022) die Geschichte einer Adoption. Eine Heldinnengeschichte um Bürokratie, Blut und Schneewittchen.

Mit gewohnt leichter Hand und humorvollem Blick beschreibt Lea Streisand den Weg zur Familie und geht der Idee derselben gleichzeitig direkt an die Wurzel.

Kathi, die Ich-Erzählerin, schreibt ihre Dissertation über das Mutterbild in Grimms Märchen, als sie erfährt, dass sie selbst keine Kinder gebären kann. „Dann Adoption“, beschließt sie. Und während Kathi auf den Anruf wartet, der sie zur Mutter macht, wird ihre beste Freundin Effi schwanger. Die beiden tragen sich gegenseitig durch die folgenden Monate. Lachen, auch wenn es manchmal zum Heulen ist, und werden zu Müttern. Jede auf ihre Art.

Ein Buch voller literaturwissenschaftlicher Akribie und großer Erzählfreude.

Und falls Sie dachten, Sie würden die Märchen der Brüder Grimm kennen, nehmen Sie das: Schneewittchen war blond!

Lea Streisand, geboren 1979 in Berlin, studierte Neuere deutsche Literatur und Skandinavistik. Sie schreibt Kolumnen für die taz und hat eine wöchentliche Hörkolumne auf Radio Eins. Ihre Romane erscheinen bei Ullstein: "Im Sommer wieder Fahrrad" im Herbst 2016, es folgten „Hufeland, Ecke Bötzow“ (2019) und „Hätt‘ ich ein Kind“ (2022). Außerdem sind Streisands Radiokolumnen im Ullstein Taschenbuch lieferbar: "War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt."