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2022-05-01 06:59:24, Jamal Tuschick

Das Leben als Weißer Hai, der am liebsten Identitäten frisst - Das Verschwinden von Herkunfts- und Abstammungsgewissheiten verwirbelt die Lebensläufe der Held:innen in Keiichirō Hiranos Roman „Das Leben eines Anderen“. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes erfährt die Schreibwarenhändlerin Rie, dass sie einem Identitätsbetrüger auf den Leim gegangen ist.

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Der Autor vergleicht sein Werk mit einem Gemälde von René Magritte aus dem Jahr 1937. La reproduction interdite zeigt eine korrekte und eine falsche Spiegelung. Die statuarische Manier und eine dozierende Motivverdopplung evozieren eine ikonografische (Aus-)Schilderung des aus dem Traum und Vorbewussten geschöpften Genres. In der japanischen Echokammer verspricht der belgische L‘inconscient-Pop mit seinen psychoanalytischen Phantasien einen (kulturelle Kodes knackenden) überspannten Surrealismus mit bizarren Resonanzeffekten.

La reproduction interdite spekuliert auf eine Irritation im Nachgang einer zur Schau gestellten Abweichung. Das Gemälde zeigt eine (auf einem Sims) deponierte Ausgabe von Edgar Allan Poes 1838 veröffentlichten Roman „The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket - Les aventures d‘Arthur Gordon Pym“ in der richtigen Weise spiegelverkehrt. Gleichzeitig schaut eine Person (der Sammler Edward James) in den Spiegel. „Sein Spiegelbild gibt jedoch nicht … seine Vorderansicht, sondern paradoxerweise die Rückenansicht wieder.“ Quelle

Narrative Raffinesse

Affiziert vom Box-Boom der 1990er Jahre entwickelt Kido Akira ein theoretisch-technisches Zweikampf-Verständnis, ohne den geringsten körperlichen Einsatz. Der alle gesellschaftlichen Segmente infiltrierende, zig Subkulturen stiftende Fight-Club-Hype schafft sich auch ein eigenes Manga-Genre. Kido schwärmt für Ganbare Genki. Das ist Schnee von gestern, als berufliche Angelegenheiten den über seine Herkunftsverhältnisse verheirateten, seine eigene Scheidung und einen Sorgerechtsstreit erwartenden, in Yokohama zugelassenen Anwalt auf Tuchfühlung mit dem nun wieder angeranzten Kampfsportmilieu gehen lässt.

In einer Old-School-Boxakademie bietet man selbstverständlich auch Boxercise an. Das widerspricht dem ursprünglichen Spirit. Der alte Ritus verlangt die Kommunion von Kampf und Vorbereitung.

Keiichirō Hirano, „Das Leben eines Anderen“, Roman, aus dem Japanischen von Nora Bierich, Suhrkamp, 25,-

Als Zainichi der dritten Generation rechnet Kido stets mit Herabwürdigungen. Selbst die Höflichkeiten seiner Schwiegereltern kaschieren einen Supremacy-Impetus in der japanischen Spielart. Dazu später mehr.

Obwohl einigermaßen unabhängig, steckt Kido wie ein mafiös Verwickelter in einem labyrinthisch-mysteriösen Fall. Im Zuge komplizierter Recherchen hangelt sich der Anwalt über Klammen einer Unterwelt, deren Existenz ihm bis eben vollkommen schleierhaft war.

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Das Leben als Weißer Hai, der am liebsten Identitäten frisst - Das Verschwinden von Herkunfts- und Abstammungsgewissheiten verwirbelt die Lebensläufe der Held:innen in Keiichirō Hiranos Roman „Das Leben eines Anderen“. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes erfährt die Schreibwarenhändlerin Rie, dass sie einem Identitätsbetrüger auf den Leim gegangen ist.

„Auf der Landkarte kann man sehen, wie die alte Mera-Fernstraße, die über die Berge von Kyūshū bis nach Kumamoto führt, das Zentrum der Stadt S. durchzieht.“

Der erste Romanschauplatz liegt verschwiegen auf der Kaiserinsel Kyūshū in der Präfektur Miyazaki. Nach einer Legende herrschte da die erste japanisch gelesene Königin oder fürstliche Schamanin Himiko, abgeschirmt von tausend Dienerinnen. Im Mittelalter florierten auf Kyūshū koreanisch inspirierte Porzellanmanufakturen. Eine breitflächige Christianisierung führte 1637 zu einem Bauernaufstand, der Shimabara-Rebellion unter Masuda Tokisada, den seine Gefolgsleute als eine Art Jesus ansahen.

Grandiose Kaldera-Formationen prägen die Landschaft. Die erdgeschichtlichen Verwerfungsexzesse liefern malerische Kulissen für schlagartige Entvölkerungsprozessionen. Tourist:innen ergötzen sich am Verfall. Es gibt einen „Ruinen-Hype“. Die Magistrale von S. trägt „den traurigen Spitznamen Shōwa-Hügelgrab“.

„Die Shōwa-Zeit … bezeichnet … die Regierungszeit des Tennō Hirohito, des dritten Kaisers der modernen Periode, vom 25. Dezember 1926 bis zum 7. Januar 1989.“ Wikipedia

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Ries Anwalt, ein Nachkomme koreanischer Einwanderinnen, sieht sich rassistischen Anfeindungen und Herabsetzungen ausgesetzt, während er sich ganz und gar als Japaner fühlt. Kido stellt sich die Frage, inwiefern die negativen Fremdzuschreibungen seine Selbstverortung beeinflussen.

Infolge der Annullierung ihrer Ehe mit einem Identitätsbetrüger verliert Ries Tochter den bürgerlichen Status. Eine schlichte Eintragsänderung macht aus Hana ein uneheliches Kind. Gleichzeitig bleibt ein Sohn aus erster Ehe im ursprünglichen Rahmen.

Nach dem Korrekturdurchgang erscheint Rie rechtlich nicht mehr als Witwe. Der neue Vermerk schildert sie als Geschiedene. Die Korrektur unterschlägt einen Lebensabschnitt.

Keiichirō Hiranos narrative Raffinesse eröffnet dem vom Grauen gesäumten Erstaunen ein weites Feld. Die Berichtigung biografischer Angaben führt dazu, dass sich für Rie alles falsch anfühlt. Nun weiß sie nicht mehr, „welches Leben sie lebt“.

In einer Parallelaktion entgleist Kido. In einer Bar gibt er sich als Taniguchi Daisuke aus. So nannte sich Ries zweiter Mann, dessen Identität nach wie vor unaufgeklärt ist.

Daisukes Bruder Taniguchi Kyōichi veranlasst Daisukes ehemalige Geliebte Gotō Misuzu einen Facebook-Account unter dem Namen Daisuke einzurichten und so einen Honeypot viral zu installieren, der für den echten Taniguchi Daisuke zur Falle werden soll.

Schließlich erfährt Kido, dass es wenigstens einen, zurzeit einsitzenden „Broker“ für Identitätstauschgeschäfte gibt. Der Anwalt sucht den Fachmann auf. Omiura hält sich zwar bedeckt, ködert Kido aber mit einer Information. Er macht es spannend, doch am Ende rückt er einen Namen heraus: Sonezaki Yoshihiko.

„Will der Kerl etwa behaupten, (Sonezaki Yoshihiko) … sei X (aka der falsche Taniguchi Daisuke)?“

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Hara Makoto, der Sohn des vor zwanzig Jahren wegen Raubmords und Brandstiftung zum Tode Verurteilten Kobayashi Kenkichi, kommt dann auch noch als X in Frage. Bis dahin analysiert Kido zig Varianten von Identitätstausch beziehungsweise „Identitätswäsche“.

Plötzlich erkennt der Biedermann in der mehrheitsgesellschaftlichen, sprich aufwertenden Verkleidung seiner erniedrigenden Herkunft als Enkel koreanischer Einwanderinnen eine Transformation im Spektrum der Winkelzüge eines Taniguchi-Daisuke-Darstellers.

Aus der Ankündigung

Akira Kido lebt in Yokohama, ist Ende dreißig, Vater eines vierjährigen Sohnes, Ehemann und Scheidungsanwalt. Er hadert mit seinem Leben, seiner Ehe, alles erscheint ihm festgefahren und auf unbestimmte Weise falsch. Da wird er von einer ehemaligen Klientin aufgesucht und um Ermittlungen zu ihrem kürzlich verstorbenen Ehemann Daisuke gebeten. Ein Jahr nach dessen Tod stellte sie fest, dass Daisukes Identität auf einer Lüge basierte: sein Name, seine Vergangenheit, seine Personalakte – alles gefälscht, Daisuke war nicht derjenige, der er vorgab zu sein. Kido beginnt mit den Recherchen und deckt ein komplexes System von Identitätstausch auf. Bis er schließlich selbst von der Idee verführt wird, sich das Leben eines anderen Mannes anzueignen, um dem eigenen Schicksal zu entgehen.

Was geschieht, wenn wir mit einer anderen Person die Identität tauschen? Wie liebt man, wie lebt man in der Lüge? Keiichirō Hirano, der große, bisher unübersetzte Gegenwartsautor Japans, schreibt in einem raffinierten literarischen Spiel über eine scheinbar ganz normale japanische Familie – und über das fatale Verlangen, das Leben eines Anderen zu führen.

Keiichirō Hirano, 1975 in Gamagōri geboren, ist ein japanischer Bestsellerautor. Sein Debütroman Nisshoku, den er 23-jährig verfasste, wurde 1998 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Seither hat er weitere prämierte Erfolgsromane veröffentlicht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und war Entsandter der japanischen Botschaft in Paris und anderen europäischen Städten. „Das Leben eines Anderen“ ist Hiranos erster ins Deutsche übertragene Roman.