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2022-04-29 06:46:38, Jamal Tuschick

Die Nessel Wirklichkeit

„War ich nicht Zeuge von dem Erdentreiben, vom Riesenunrecht bis zum kleinen Treubruch?“ Lord Byron

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„Ich fasse nicht genug. Gemüt zu klein: ne Gemeinheit des Herstellers.“ Arno Schmidt in Das steinerne Herz

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Jeder Schriftsteller sollte die Nessel Wirklichkeit fest anfassen und uns Alles zeigen: die schwarze schmierige Wurzel; den giftgrünen Natternstengel; die prahlende Blume(nbüchse). AS 1953

Altweltliche Pittoresken

Im Zusammenhang mit einem Umzugsbegehren erklärt Arno Schmidt, „als Schriftsteller beruflich in stärkstem Maße von landschaftlichen Eindrücken abhängig“ zu sein. Eine Burg taugt nur deshalb schon als Ziel, weil James Fenimore Cooper sie auf seiner Europareise besichtigte.

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Im Sommer 1826 kam Cooper nach Europa. Er reiste mit Entourage. Ihn interessierten altweltliche Pittoresken, Rokoko- und Barock-Schmonzetten für den amerikanischen Hausgebrauch. Er besuchte Paris, querte Deutschland, die Schweiz und Italien. In England ließ er sich kurz blicken.

Der Autor stand unter einem enormen Verwertungsdruck. Jeder landsmannschaftlich-gebeizte Eindruck, ob im Verein mit Bierhumpen, Ritterrüstung oder Burgruine, war ihm recht für die Fortschreibung von Euro-Trivia nach der Mittelalter-Mythenmatsch-Marschmelodie.

„Die Natur ist übrigens allenthalben fruchtbar an schönen Wirkungen, und man tut Unrecht, wenn man sich auf dem Gange durch‘s Leben derselben nicht erfreut, weil man in diesem oder jenem Theile der Welt schon etwas Schöneres gesehen zu haben wähnt. Wir schieden daher mit Bedauern von dem Rhein, denn in seiner Art lässt sich kaum ein lieblicherer Strom finden.“ Aus Die Heidenmauer - Eine Rheinsage

Deutet Schmidt Coopers Historizismus als Gegenlichtgeschehen zu einem idealisierten Amerikabild?

Marcel Reich-Ranicki äußerte sich so selten wie gründlich über Arno Schmidt. 1967 brachte er in dem Radioessay „Eine Selfmadeworld in Halbtrauer“ Schmidts Selbststilisierung auf den Punkt.

„Das Gehirntier. Das Genie. Der Solitär. Der Einsiedler. Vor allem aber: Der Verkannte! So stellte sich Arno Schmidt Zeit seines Lebens dar.

Schmidts Bücher waren immer greifbar, zum Teil in edlen Ausgaben. Er heimste Preise ein, fand Gönner, und auch vom Radio kamen Angebote zuhauf. Arno Schmidt war lange Jahre das Lieblingskind der bundesrepublikanischen Redakteure.“ Quelle

Solider Tagtraum

Ich bedenke Ranickis Abwehr eines Schriftstellers, der sich zwar antimilitaristisch gerierte, aber doch viel mehr noch als die Siebenundvierziger mit ihrer Alibi-Aichinger und der idiosynkratischen Ingeborg in Wehrmachtsknobelbechern feststeckte. Man vertiefe sich in das Bild eines Schmidt‘schen Stinkstiefels. Ranicki zerpflückte die krachlederne Rhetorik und Rumpelerotik des Heide-Solipsisten.

Bei Schmidt tauchen „begatten“ und „koten“ in einem Satz auf. Da schwingt sich ein Literatur-Tarzan von Ast zu Ast, wenn auch in einem längst vergangenen Präsens.

Welcher ostdeutsche Schriftsteller war der DDR-Schmidt?

Aus der Ankündigung

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.