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2022-04-21 06:27:30, Jamal Tuschick

„Die körpereigenen Abwehrsysteme sind biologische Wunder, doch … Keime und Viren (bleiben) unschlagbare Angreifer.“ Ina Knobloch

Das Pandemie-Paradox

Im Pandemie-Präsens von 2020

In Deutschland kommen neunundzwanzig Intensivbetten auf hunderttausend Einwohner:innen. Anschober überliefert die Zahl aus einer für Frankreich und Italien deutlich ungünstigere Bestandsaufnahme im März 2020. Da füllt er sein Ministeramt noch nicht lange aus.

Zur Einordnung

Rudolf Anschober, geboren 1960 in Wels, war Volksschullehrer und Journalist, später langjähriger Landesrat für Klimaschutz und Integration in Oberösterreich. Von Januar 2020 bis Mitte April 2021 war er Sozial- und Gesundheitsminister der türkis-grünen österreichischen Bundesregierung.

Anschober sucht Orientierung in einer Krise, für die es keine EU-Richtlinien gibt. Jeder Staat schreibt sich seinen eigenen Maßnahmenkatalog vor. Die Auffassung der Seuche als nationale Angelegenheit gibt dem Geschehen einen absurden Drive.

Es geht um die Unterbrechung von Ansteckungsketten. Der Minister unterstellt seinen Entscheidungen tragende Säulen. Er konsultiert Mediziner:innen, Mathematiker:innen und Verfassungsrechtler:innen. Nicht geheuer ist Anschober der Rückgriff auf ein Epidemiegesetz aus dem Jahr 1913.

Er studiert die chinesische Lösung. Einen Monat zuvor gibt es in Wuhan den ersten Shutdown. Ein offizielles Katastrophenvideo zeigt „Stille und Leere, als habe man auf die Stopptaste gedrückt“.

„Wuhan wurde angehalten.“

Auf der Suche nach einem freien Bett irren Infizierte von einem Krankenhaus zum nächsten. „Sie tragen das Virus überall hin.“ In welchem Horrorfilm haben wir das schon gesehen?

Die Zitate stammen aus Fang Fangs „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe, 380 Seiten, 25,-

Fang Fang memoriert „all die unnötig Gestorbenen, all die traurigen Tage und Nächte“.

Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger:innen schlagartig unter Quarantäne. Ich konsumiere den Vorgang als TV-Nachricht. Obwohl die Katastrophenolympiade meinen Horizont übersteigt und ich keinen Vergleich anstellen kann, stellt sich noch nicht einmal Ratlosigkeit ein. Ich ordne das Virus-Drama dem Globalen Süden zu und verknüpfe die Seuchensuada unspezifisch mit Defiziten, die wir nicht haben. Dabei sehe ich im Fernseher Leute, deren qualifizierter Opfermut in meiner Umgebung ohne Beispiel ist.

Einschätzungen

Paolo Giordano rät, „der Pandemie einen Sinn zu geben“. Der Neurobiologe Martin Korte empfiehlt die Etablierung neuer Routinen. Jan Philipp Reemtsma bemerkt die Dysfunktionalität alter Routinen. Geert Mak sieht uns getroffen. Wer sind wir? Sind wir die Bullshiter:innen auf der nordeuropäischen Empore? - In ihrer Irrelevanz Begünstigte des Schicksals Geografie?

Milo Rau sieht Chancen: Ein Paradigmenwechsel könne dazu führen, dass alte Gespenster ihre Spielberechtigung verlieren.

„Vielleicht müssen wir (nach der Pandemie) gar nicht zurück in die Räume aus dem 19. Jahrhundert“, hofft Rau.

Social Distancing bringt familiäre Nähe. Zeit für die Kinder und zum Nachdenken entdeckt Bas Kast in seiner persönlichen Krisenschatztruhe. Corona verhilft zu einer Idee von kanadischer Eigentlichkeit. Was könnte noch absurder sein als Stress in der persönlichen Irrelevanz.

*

Das Habsburger Reich erwehrte sich der Pest erfolgreich mit einer Befestigung seiner Außengrenzen: einer Sperrzone von Kroatien bis Moldawien. Das Osmanische Reich stellten die Habsburger mit militärischen Mitteln unter Quarantäne.

„Auf der türkischen Seite des Balkans wütete die Pest noch bis 1840, auf der österreichischen ward sie nie mehr gesehen“.

Das erzählt der Archäologe Ian Morris unter der Überschrift Covid 19 - Antworten aus der Vergangenheit. Karl Heinz Götze bemerkt in seinem im Merkur erschienenen Aufsatz Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung:

„Preußen machte (nach dem Choleraausbruch im angezeigten Jahr), was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit … Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 … Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen.“

Bis zum Zeitalter der Impfungen war Quarantäne der Hauptseuchenschutz. Morris stellt fest, dass uns Covid 19 so lange auf den Stand der Habsburger zurückwirft, bis wir als Wirte nicht mehr wehrlos sind. Im Augenblick haben wir „die Wahl zwischen Abstand und Tod“.

So vorzeitig das Fazit erscheint, Morris sieht zugleich ein neues Zeitalter auf uns zu kommen, in dem westliche Demokratien vielleicht nicht mehr bildbestimmend sein werden. Der Wissenschaftler heftet seinen Ausblick an zwei historische Marken. Vermutlich waren wir lange gleicher als wir uns das vorstellen können, nämlich in der Wildbeuter-Ära, die vor zwölftausend Jahren in einem Wettbewerb der Hierarchien als Sesshaftigkeitsfolge endete. Dem ursprünglichen Regime nähern wir uns im Zuge der Nutzung fossiler Brennstoffe seit zweihundertundfünfzig Jahren. Bekanntlich verlieren die Egalisierungsimpulse aus dieser Ecke ihre Legitimität. Morris weiß noch gar nicht, wie recht er hat. Zwei Jahre später sind Diktaturen auf dem Vormarsch und Demokratien unter Druck.

Politisches Seuchenmanagement in den Zeiten von Corona

Paul B. Preciado nähert sich dem Horizont negativer Erwartungen mit der Vermutung, das Virus könne den augenblicklichen Zustand der Welt einfrieren.

„Alles bliebe bis in alle Ewigkeit in dem Zustand eingefroren, den die Dinge mit dem Ausbruch … angenommen hatten.“

Zitate aus:

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“, Penguin Verlag, eBook, 14.99 Euro

Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs“, aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Suhrkamp, 368 Seiten, 20,-

*

Nun also Anschober. In seinen Aufzeichnungen springt er von einem elsässischen, vormals passionierten, nun protestierenden Pfleger zu Service-Garantinnen in Tirol. Die Schweizer Kellnerin Chiara und die ungarische Heilmasseurin Agnes überraschte die Pandemie in Ischgl. Den rätoromanischen Flecken im Oberinntal beherrscht ein gastronomischer Koloss in der Vielgliedrigkeit von fünfundvierzig Personenbeförderungsanlagen, dreihundertneunzig Hotel, fast zwölftausend offiziellen Hotelbetten und „sagenhaften 1,5 Millionen Nächtigungen“ pro Jahr.

„Am zweiten Tag der Stille“, dem 15. März, amüsieren sich Chiara und Agnes über die gähnende Leere eines Cafés. „Sie kennen Ischgl nur mit Massen von Touristen und gestressten Angestellten.“

Rudi Anschober, „Pandemia. Einblicke und Aussichten“, Paul Zsolnay Verlag, 24,-

Gerade erleben Chiara und Agnes eine „vollkommen unbekannte Atmosphäre von Ruhe und Frieden“. Einen Tag zuvor war das Paznauntal unter Quarantäne gestellt worden. Minuten nach der Verkündung des Katastrophenfalls flohen Tourist:innen in alle Himmelsrichtungen. Den Turbo des Express-Exodus befeuert die Angst, vor Ort polizeilich festgehalten zu werden. Plötzlich sind die Vergnügungsfrontiers unter sich. Das Virus grassiert weitgehend unerkannt unter ihnen. Antikörpertests, die Wochen später gemacht werden, beweisen es.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Die erste Innenansicht eines europäischen Gesundheitsministers in der Pandemie: Rudi Anschober schildert die Herausforderungen des Ausnahmezustandes unter Corona.


Der Ausbruch der Corona-Pandemie steht für den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Weltweit erkranken und sterben Millionen Menschen, ein Ende ist trotz Impfungen nicht abzusehen. Jetzt berichtet erstmals ein verantwortlicher Politiker aus dem Maschinenraum der Macht. Begeisterte Zustimmung von der einen, leidenschaftliche Kritik von der anderen Seite – als frisch angelobter grüner Gesundheitsminister Österreichs stand Rudi Anschober vor einer der größten Krisen des 21. Jahrhunderts.
Nun, einige Monate nach seinem aus Gesundheitsgründen erfolgten Rücktritt, schildert Anschober am Beispiel von fünf Personen – einer Intensivmedizinerin, einer Forschungskoordinatorin, einer Long-Covid­-Patientin, einer alleinerziehenden Buchhändlerin und eines Ministers –, die beispiellosen Herausforderungen durch die Pandemie. Die Innenansicht eines Ausnahmezustandes.