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2022-04-18 06:26:15, Jamal Tuschick

Der Hauptzweck der bürgerlichen Gesellschaft ist die Verdrängung des Todes, sagt Walter Benjamin. Das 19. Jahrhundert habe „die Ewigkeit trockengewohnt, in Räumen, die rein vom Sterben geblieben sind“.

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„Der Tod, betrifft uns … nicht; wenn wir sind, ist der Tod nicht …; wenn der Tod da ist, sind wir nicht.“ Epikur

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„Das Neue an den Menschen bestand darin, dass sie in der Lage waren zu denken, dass sie dachten. Als wäre vor ihren Gedanken ein Spiegel aufgestellt worden.“ KOK

Polyphones Ich

Sie sind Ferienhausnachbarn und Buddel-Buddys in einer skandinavisch-idealtypischen Fichten- und Kiefernwald- und Geröllstrand-Idylle im Weichbild von Bergen. Kreuzfahrtschiffe passieren ihren Ausschnitt der Welt auf dem Weg zum Polarkreis. Noch nicht ganz ist der Literaturprofessor Arne „ein fetter Mann, der sich schämt“. Eines Morgens erlöst er ein schwer verletztes Katzenjunges, das sich von der Nähe zu Menschen offenbar mehr Hilfe versprochen hatte.

Arne verscharrt den Kadaver.

Er trägt Sorge um Tochter Ingvild, die Zwillingssöhne Asle und Heming, und um seine manisch-verstimmte, schließlich psychotisch-desperate Frau Tove, eine Malerin. In ihrem Atelier taucht der Katzenleichnam mit abgerissenem Kopf wieder auf.

Karl Ove Knausgård, „Der Morgenstern“, aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand, 28,-

Egil Stray, müßiggehender Verbraucher eines Erbes und Ex-Produzent von Dokumentarfilmen, die den kurzen Atem (die einfallsreiche Antriebsarmut) ihres Urhebers konservieren, dient Arne als standesgemäßer Anstoßpartner. Der theologisch beschlagene Atheist wartet mit den richtigen Suff-Sottisen auf. Brauchbare Stichworte liefert Egil dem akademisch-routiniert auf der Homer-Dante-Route patrouillierenden Großverwerter der eigenen Ideenproduktion, einer geistigen Kleintierzucht.

Die Bürger sonnen sich „im klarsten Licht des Schnapses“.

„Der Mensch ist ein Blinder, der vom Sehen träumt.“ Friedrich Hebbel

Ein neuer (von Tove vorausgesehener und vor seinem Aufkreuzen gemalter) Stern leuchtet am Morgen heller als am Abend seiner Premiere. Der Titel stiftende „Morgenstern“ veranlasst Egil zu einem Luzifer-Rekurs.

„Luzifer ist der lateinische Name des Morgensterns (Venus). Wörtlich übersetzt bedeutet er Lichtträger … Im Christentum gilt Luzifer als Name des obersten Teufels.“ Wikipedia

Egil entdeckt die leere Hülle einer Reptilienhaut. Es gibt jede Menge bedeutungsschwere Wunderzeichen im Roman.

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Knausgård dirigiert eine Ich-Polyphonie. Sein Personal präsentiert sich in der ersten Person. Zum Beispiel spricht die Pfarrerin Kathrine Reinhardsen. In der Rolle einer Heimkehrenden steigt sie ihrer Heimatstadt Bergen in einem Hotel ab, um der direkten Begegnung mit ihrer Familie zu entgehen. In einem Zustand kontrollierter Auflösung spielt Kathrine mit den Elementen einer Ehekrise. Sie projektiert die zentrale Stimmungslinie einer Trennung von ihrem Mann.

Kathrine bespricht sich mit ihrer Mutter. Jene rät zu einer Affäre. Die mütterliche Kaltblütigkeit verblüfft Kathrine. Sie prüft die Valeurs eines Pragmatismus, dem sie sich pietistisch-aufmüpfig verschließt. Kathrine taucht auch in Egils Erinnerungen auf.

Egil deutet Jesus als eigenbrötlerische Galionsfigur „einer Tyrannei der Schwachen“. In der Vergabe des ewigen Lebens an einen Sterblichen erkennt der Strauch-Philosoph die Vermenschlichung Gottes.

Egil beschreibt die neutestamentarischen Rahmenbedingungen.

„Nichts an (Jesus) war zeitlos, nichts unveränderlich.“

Jerusalem als Hotspot einer neuen Religion ohne einen Hauch von Universalität, dafür voller epochaler Eigentümlichkeiten: die Einsicht weitet den Horizont.

Artefakt des Aurignaciens

Der ungläubige Egil bittet Gott um ein Zeichen. Ein Rabe landet wie gerufen beinah auf seinem Nasenrücken. Im nächsten Augenblick vertieft sich Egil in eine Predigt von Søren Kierkegaard. Später, Tove unterliegt nun stationärer Behandlung, entdeckt Arne im Haus des trinkenden Nachbarn pompös überschriebene Aufzeichnungen.

„Über den Tod und die Toten“

Egil steigt mit einem Wort von Bataille ein: „Wie wir wissen, ist der Tod unnötig.“

Man könnte anderen Spuren folgen. Meine Konzentration auf Egil ergibt sich in der Freiheit seiner Gedanken. Er fühlt sich steinzeitlichen Kulturleistungen näher als zeitgenössischen Kunstwerken.

Egil erwähnt den Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel, eine Elfenbeinskulptur, die entweder ein Fabelwesen oder aber einen Schamanen mit einer Löwenmaske zeigt. Die Sache kommt ihm unter, während er sich mit Hölderlin beschäftigt. Egil glaubt, dass H. seine Absonderung strategisch anstrebte. So habe sich der Dichter in besonderer Weise ungezwungen halten können. Zum Übersehen geeignet sei die Klausen-Exklave gewesen. Auch Adorno erinnert daran, dass Hölderlin nicht gleich als das verunglückte Genie verstanden wurde, sondern erst einmal als ein „stiller und feiner Nebenpoet“ mit rührendem Lebenslauf.

„Manie als Nachkrankheit der Krätze“, diagnostizierte Johann Heinrich Ferdinand von Autenrieth einst.

Nebenpoet - Das verkürzt den Rhein zum Tamina. Es verkehrt das Verhältnis von tributär und ozeanisch.

Egil folgt Adorno in die konkrete Poesiebetrachtung, weit weg von „der Beliebigkeit marktgängerischen Tiefsinns“.

„Am Stoff klärt sich das Dunkle auf“, sagt der Meister.

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Eine Ensemblestimme gehört Jostein Lindland. Der Journalist porträtiert eine Malerin von Wolkenbildern. Obwohl er sich der Künstlerin vorderhand respektvoll nähert, spürt sie doch Lindlands Verachtung. Die Verachtung bleibt ungreifbar. Infolge stumpfer Gewalteinwirkung verliert Jostein bald das Bewusstsein.

Zu ihm und vielleicht auch zu Egil bald mehr.

Aus der Ankündigung

Es ist Sommer in Norwegen. Eigentlich eine beschauliche, sonnengetränkte Zeit. Doch nun scheint etwas aus den Fugen geraten zu sein. Krabben spazieren an Land, Ratten tauchen an überraschenden Stellen auf, eine Katze kommt unter seltsamen Umständen ums Leben. Kurzum: Die Tiere verhalten sich wider ihre Natur. In seinem neuen Roman schildert Karl Ove Knausgård eine Welt, in der die Natur und die Menschen aus dem Gleichgewicht sind, obwohl das Buch eigentlich ganz realistisch vom Leben einiger Menschen, neun an der Zahl, während mehrerer Hochsommertage erzählt, und zwar in deren eigenen Worten. Da ist der Literaturprofessor Arne, der mit seiner Familie die Tage im Sommerhaus verbringt, an sich selbst zweifelt und mit seinem Nachbarn Egil über den Glauben an Gott diskutiert. Da ist die Pastorin Kathrine, die plötzlich merkt, dass sie ihre Ehe als Gefängnis empfindet. Da ist der Journalist Jostein, der auf einer exzessiven Trinktour von den mysteriösen Morden an Mitgliedern einer Death Metal Band hört, während seine Frau Turid in einer psychiatrischen Anstalt als Nachtwache arbeitet. Ihnen allen unerklärlich ist das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel, den auch die Wissenschaft nicht wirklich erklären kann. Ist er der Vorbote von etwas Bösem oder im Gegenteil die Verheißung von etwas Gutem?

Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er lebt in London.