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2022-04-12 07:13:34, Jamal Tuschick

Im Frühjahr 1828 heuert Rosa Brugger als Dienstmädchen in einem Palais im zweiten Wiener Bezirk an. Die bis eben nur mit dem Allerdürftigsten vertraute Tochter eines Müllers wähnt sich in einem Kaiserschmarrn-Tadsch Mahal, während der Hausherr gerade das Notwendigste von den örtlichen Verhältnissen gewährleistet findet.

Paternalistische Fürsorge

Ein Personalstab von sechsunddreißig Personen dient der sechsköpfigen Familie um den alten Reischach. Sein Vorbild in der Wirklichkeit könnte Feldmarschall Lieutenant Judas Thaddäus Freiherr von Reischach (1776 - 1839) gewesen sein. Er entstammte einem schwäbischen, seit dem 12. Jahrhundert nachgewiesenen, europaweit in Condottiere-Stiefeln aktiven Geschlecht. Sein Sohn Sigmund (1809 - 1878), seines Zeichens kaiserlicher und königlicher Kämmerer, Geheimer Rat, Feldzeugmeister, Ritter des Militär-Maria-Theresien-Ordens, Inhaber des k. k. Linien Infanterie Regiments No. 21 sowie Gesandter des Maltesterordens, zeichnete sich als Regimentskommandeur 1848 bei Straßenkämpfen in Mailand aus.

„Seine Waffenthat in der Schlacht von S. Lucia wurde durch jene bei Montanara am 29. Mai übertroffen, wo er sich an der Spitze von Sturmcolonnen seines Regiments mit dem Säbel in der Faust glänzende Lorbeeren erfocht.“ Quelle

Judith W. Taschler, „Über Carl reden wir morgen“, Roman, Paul Zsolnay Verlag, 24,-

Spielzeug mit Leib und Seele - Wie sich die landfeine Rosa einer Stadtintrige in die Arme wirft

Im Roman ist der Spross ein schwachbrüstiger Zeitgenosse, dem die Eltern hinterlistig unter die Arme greifen. Um seine Zeugungskraft zu erproben und ihn von Bordelleskapaden abzuhalten, holen sie sich die schöne Rosa ins Haus.

In der Gegenwart von Rosas Palaisperlendebüt überschlagen sich die Ereignisse in Zeitlupe. Zwei Jahre nach ihrem Eintritt in den freiherrlichen Haushalt wird sie schwanger. Reischach arrangiert eine heimliche Niederkunft in ländlicher Umgebung. Seine Zuneigung verflüchtigt sich bis zu einem Sockel paternalistisch-funktionaler Fürsorge.

Rosa hofft auf einen Gnadenakt des Hochgeborenen; auf eine klandestine Garantieformel und heimliche Aufwertung ihrer unziemlichen Verhältnisse. Sie unterschätzt das Ausmaß jener Infamie, der sie sich einst freudig ausgeliefert hatte.

Rosa verliert ihren Sohn an die Revolution von 1848. Als Barrikadenkämpfer vorgeprescht, endet Theo trostlos in den Reihen der Füsilierten und amtlich Verscharrten. Die gekränkte Monarchie verweigert ein Andenken. Damnatio memoriae.

Rosa landet als billige Arbeitskraft im elterlichen, vom verwitweten Bruder Anton geführten Mühlenbetrieb. Fortan wirkt sie als gute Seele. Sie zieht ihre Nichten und den Neffen Albert auf. Für den Nachwuchs bricht das 20. Jahrhundert im Glanz der Gründerzeit an. In der nächsten Generation expandiert die Mühle im Mühlviertel. Alberts Zwillingssöhne Carl und Eugen teilen sich die Aussicht auf ein stattliches Erbe. Es gibt die Mühle, ein Sägewerk und ein Handelsgeschäft. Doch Eugen entzieht sich dem gediegenen Wohlstand nach Amerika. In einem von Benediktinerinnen geführten Waisenhaus in St. Louis spielt er den Hausmeister. In Cincinnati arbeitet er als Kellner und in der Gegend von Boston als Holzfäller.

Sein Bruder gerät wehrpflichtig zwischen die Mühlsteine des Ersten Weltkriegs. Er versehrt einen Vorgesetzten und desertiert so geschickt, dass es zunächst scheint, er sei bei einem Lazarettbrand ums Leben gekommen. Man kommt ihm auf die Schliche.

Ich bin versucht, noch mehr (nach) zu erzählen, so rauschhaft spannend ist der Roman.

5 Fragen von Bettina Wörgötter an Judith Taschler

Meine Lieblingsfiguren sind definitiv die Frauen

Liebe Judith Taschler, „Über Carl reden wir morgen“ ist ein großer, drei Generationen umspannender Familienroman. Woher kam die Idee zu diesem Roman?

Die Idee „stammt“ aus der Vergangenheit meiner Herkunftsfamilie, ich habe als Kind gerne meinen Tanten zugehört, wenn sie von früheren Zeiten erzählt haben. Die Handlung beginnt im Jahr 1828, als die nicht einmal achtzehnjährige Rosa Brugger vom Mühlviertel nach Wien geht, um dort als Dienstbotin für eine adlige Familie zu arbeiten, und endet im Sommer 1922 mit Eugen Brugger, der unschlüssig ist, ob er in die Staaten zurückkehren oder in der Heimat bleiben soll.

Gibt es Parallelen zwischen der Familie Brugger und Ihrer eigenen Familiengeschichte?

Mein Urgroßvater Alois Wögerbauer diente zehn Jahre lang als Margast bei der k u. k Marine; eine der Hauptfiguren im Buch – Albert Theodor Brugger – tut dies zwölf Jahre lang. Mein Großvater Heinrich hatte einen Zwillingsbruder – Eugen –, die beiden waren kaum auseinanderzuhalten, so ähnlich sahen sie sich. Eugen ging für zehn Jahre nach Milwaukee, 1920 kam er nach Hause, weil sein Vater im Sterben lag. In die Staaten ging er nicht mehr zurück, obwohl er dort eine sehr gut bezahlte Stelle im bekannten Pabst Theatre und obendrein eine Freundin hatte. Die junge Frau schrieb ihm jahrelang Briefe, wir haben immer noch ihr Foto. Eugen war zeitlebens der „bessere“ Knecht im Haus seines Zwillingsbruders. Wir haben oft gerätselt, warum er geblieben ist.
In meinem Roman liefere ich quasi eine Erklärung dafür, das Ganze ist aber rein fiktiv. Lediglich die Eckpunkte – das Leben in einer Mühle; einer will die Welt sehen und dient deshalb in der k u. k Marine; ein anderer will auswandern und kehrt dann doch wieder in die Heimat zurück – entsprechen der Realität. Mir ging es nicht um die Dokumentation des Lebens meiner Vorfahren, was das betrifft, hätte ich auch zu wenig darüber gewusst. Es war und ist mir wichtig, im Schreibprozess völlig frei zu sein, und das kann ich nur in der Fiktionalisierung. Ich mag beim Schreiben nicht gebunden sein an Faktizität, es würde mich einengen und das Endprodukt wäre für die Leserinnen und Leser vermutlich langweilig. Einen Teil der Geschichte habe ich in meiner Heimat, dem Mühlviertel, angesetzt, die Geschichte könnte allerdings überall, in jedem kleinen Dorf, spielen, sie ist in dem Sinn nicht ortsgebunden. Aber es fällt mir leichter von etwas zu schreiben, das ich kenne bzw. zumindest einmal gesehen habe.

Haben Sie für Ihren Roman sehr viel recherchiert, wie können wir uns die Vorarbeiten vorstellen?

Dem Roman geht sogar sehr viel Recherche voraus. Bevor ich zu schreiben angefangen habe, habe ich mehrere Bücher über Auswanderung gelesen, auch über den Ersten Weltkrieg und über das europäische 19. Jahrhundert, unter anderen Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“. Und während des Schreibens muss ich natürlich immer wieder etwas nachlesen, wenn etwas schnell gehen muss, auch im Internet.

Haben Sie eine Lieblingsfigur im Roman?

Meine Lieblingsfiguren sind definitiv die Frauen, vor allem Rosa und Anna. Sie haben kein leichtes Los und machen eine erstaunliche Entwicklung durch. Rosas Erwartung an ein besseres Leben in der Großstadt wird bitter enttäuscht und dennoch ist sie es, die nicht aufgibt und im Haushalt des Bruders „ihren Mann steht“. Anna ist zu Beginn der Handlung eine naive verträumte Siebzehnjährige, die sich nicht für viel mehr als Mode interessiert. Dreieinhalb Jahrzehnte später ist sie eine willensstarke Frau, die sich – entgegen der allgemeinen Begeisterung – klar gegen den Krieg positioniert und alles tut, um ihre Familie gut über diese schwierige Zeit zu bringen.

Werden wir je erfahren, wie es mit Carl und Eugen weitergeht?

Ich spiele mit dem Gedanken eine Fortsetzung zu schreiben. Und ja, eigentlich wächst der Gedanke und nimmt konkrete Gestalt an.

Aus der Ankündigung

„Judith W. Taschler versteht es, den Leser zu fesseln.“ (Sebastian Fasthuber, Falter) – Nach „Die Deutschlehrerin“ ihr neuer großer Familienroman über drei Generationen

Fast hat man sich in der Hofmühle damit abgefunden, dass Carl im Krieg gefallen ist, als er im Winter 1918 plötzlich vor der Tür steht. Selbst sein Zwillingsbruder Eugen hätte ihn fast nicht erkannt. Eugen ist nur zu Besuch, er hat in Amerika sein Glück gesucht und vielleicht sogar gefunden. Wird er es mit Carl teilen? Lässt sich Glück überhaupt teilen? Judith W. Taschler hat einen großen Familienroman geschrieben. Über drei Generationen verfolgen wir gebannt das Schicksal der Familie Brugger, deren Leben in der Mühle vor allem die Frauen prägen. Das einfühlsame Porträt eines Dorfes, ein Buch über Abschiede und die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, über den Krieg und die unstillbare Sehnsucht nach vergangenem Glück.

Zur Autorin

Judith W. Taschler, geboren 1970 in Linz, wuchs mit sechs Geschwistern, vielen Tieren und Büchern in einem großen, gelben Haus im Mühlviertel auf. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte unterrichtete sie einige Jahre lang. Sie lebt in Innsbruck. Für ihren Bestseller-Roman Die Deutschlehrerin erhielt sie 2014 den Friedrich-Glauser-Preis. Weitere Bücher u.a.: Sommer wie Winter (Roman, 2011), Apanies Perlen (Erzählband, 2014), Roman ohne U (2014), bleiben (Roman, 2016), David (Roman, 2017), Das Geburtstagsfest (Roman, 2019).