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2022-04-03 07:57:34, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Kollektivistinnen in der Vereinzelung

Das Dorf war fast ausgestorben. Ein paar Uralte saßen vor einer neorealistisch-tristen Bushaltestelle, aber in den zwei Wochen ihres Aufenthalts sah Ariane nie ein öffentliches Verkehrsfahrzeug. Ab und zu bretterte ein Pritschenwagen durch, und einmal am Tag hielt ein Tankzug, der die Letzten mit Wasser versorgte.

Im Zuge der Entvölkerung hatte das Dorf seinen Mittelpunkt verloren. Der Schauplatz finaler Gemeinschaftsereignisse war eine Wiese gewesen, auf der noch Bänke und Tische verrotteten.

In einer zugespitzten Darstellung überragte das Dorf eine Felsnase, hoch über dem Ligurischen Meer. Das Blau des Himmels spiegelte sich mit phantastischen Effekten. Manchmal war die Horizontlinie schwarz, manchmal grün.

Die Natur drückte gegen jedes Haus. Sie brach aus dem Asphalt und zerbrach die Plattenwege. Bougainvillea und Orchideen überrannten Terrassen, die Jahrhunderte einen landwirtschaftlichen Nutzen gehabt hatten. Olivenhaine säumten zerfallene Bruch- und Natursteinwerke. Nachts weideten Wildschweine in den Hainen. Sie verstärkten das Gefühl von Bedrohung. Auch unter dem Dach der Unterkunft tobte nachts das Leben - eine einzige Jagd.

Rückblende I

Ariane hörte von Lady Dianas Unfalltod, als sie den Lago Maggiore links liegen ließ. Die Nachricht erschien ihr so unglaublich, dass sie sich in der Vorstellung verlor, der Sender sei von Informationspiratinnen gekapert worden. In der Gegend von Mailand las Ariane Heidi auf. In einem Gasthof im Piemont gerieten die Reisenden in eine geschlossene Gesellschaft, ohne es zu merken. Erst als Ariane zahlen wollte und der Kellner freundlich abwinkte, erkannte sie ihre Unachtsamkeit. Ariane grüßte in die Richtung eines runden Tisches, wo die Ältesten saßen. Ein Mann erhob sich und erwiderte graziös den Gruß. Ariane floh vor der mafiösen Operettengrandezza. Sie besprach die Geste mit Heidi. Heidi fand darin neben der Schönheit auch die Musikalität Italiens. Ihre Empfänglichkeit für Spinnereien zog Ariane an und stieß sie ab wie in einem Atemzug.

Heidi war eine Schweizerin aus dem Berner Land, lebte aber schon zwanzig Jahre auf dem ligurischen Berg. Die Leute da hatten sie lange mit dem Heidi-Filmklischee aufgezogen und das Titellied hinter ihr her gesungen. Allen war klar gewesen, dass Heidi bleiben würde, auch wenn sie sich absetzen und das Dorf im Zuge einer höheren Ordnung, die Zukunft verhieß, aufgeben mussten.

Das Dorf besaß jede Menge Vergangenheit. In gewisser Weise war Heidi allein mit der Vergangenheit des Dorfes zurückgeblieben. Sie verwaltete drei notdürftig in Schuss gehaltene Ferienhäuser. Das war eine Frankfurter Angelegenheit mit Geheimtippcharakter. Ganz klar keine Sache für Jedermann.

Rückblende II

Am Tag von Arianes Anreise wollte Heidi in der Nähe von Mailand sein, aber du kannst mich doch einsammeln. Liegt hundertprozentig auf deiner Strecke.

Tatsächlich lag der Treffpunkt weit weg von der regulären Route. Heidi hatte Ariane gleich mal vorab hinters Licht geführt. Offensichtlich kannte sie sich mit Not- und Spontanlösungen aus. Heidi fand den Dreh, Ariane gleich wieder locker werden zu lassen. Sie gewann die Journalistin mit einem Zitat von Stuart Hall: „Dass die tiefste kulturelle Revolution durch den Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation ausgelöst wurde - in der Kunst, der Malerei, der Literatur, überall in den modernen Künsten, in der Politik und im sozialen Leben im allgemeinen. Unser Leben wurde durch den Kampf der Marginalisierten um Repräsentation verändert.“

In der Selbstermächtigung steckt(e) eine Offenbarung. So weit war Heidi schon in den Neunzigerjahren. In den italienischen Antipsychiatrieprogrammen begriff man Kunst als Arbeits- und Kampfmittel. Heidi wollte die Obdachlosenzeitung magdalena 9 so attraktiv wie Andy Warhols Magazin machen und suchte Partnerinnen für das Projekt. Adriane träumte mit offenen Augen romanhaft von südlichen Kooperationen und Kollaborationen.

*

Sie erreichten Heidis Berg, zuerst fielen Ariane Trockenmauerkuppelbauten wie in Istrien auf. Das waren Unterschlupfe der Hirten. Sie widerstanden dem Verfall zwischen Ruinen.

In Heidis Garten wuchsen Feigen. Klapprige Campingmöbel aus Siebzigerjahre-Kollektionen erzählten von verbrauchten Hoffnungen. In der Spätzeit, als der Preisgabe und dem Niedergang des Weilers noch Widerstand entgegengebracht worden war, gehörte der Ort zu den Zielen versprengter Ex-Spontis. Die Kommunardinnen waren lange mit dem Wind gewesen. In der Vereinzelung gingen ehemalige Kollektivistinnen seltsame Wege.