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2022-04-03 07:35:23, Jamal Tuschick

„Wissenschaftliche Entdeckungen sind nichts Persönliches … sie sind unvermeidlich.“

Kosmische Provinzialität

Sie beherrschen ihre akademischen Domänen noch mit der antiken Grand-Cru-Attitüde professoraler Omnipotenz. Der Psychoanalytiker Steindorfer und der Tessiner Astrophysiker Marty erscheinen als High Potentials anachronistisch unangefochten, während der Nachwuchs die Gewissheiten und Privilegien der Altvorderen entbehrt. Die Ära garantierter Festanstellungen ist sogar für Physiker:innen vorbei. Die wenigen universitär Nobilitierten müssen sich vor allem als Projektmanager:innen bewähren.

Steindorfer schreibt u.a. Gutachten für Personen, die Geschlechtsumwandlungen anstreben. Er weiß, „das Bewusstsein koppelt sich (gerade) von der biologischen Realität ab“.

Zoë Jenny, „Der verschwundene Mond“, Roman, FVA, 20,-

Im Handlungspräsens trägt Marty als Leiter des Instituts für Astrophysik der Wiener Universität zu jener geistigen Evolution bei, die vom Hubble- zum James-Webb-Weltraumteleskop führt. („Das JWST startete am 25. Dezember 2021.“ Wikipedia)

Er erforscht extrasolare Planeten. („Extrasolare Planeten gehören … nicht dem Sonnensystem, sondern anderen Planetensystemen an.“ Wikipedia)

Marty möchte einer allgemeinen Hybris entgegenhalten, dass alle Beschwörungen des Weltendes stets nur das (in universellen Dimensionen) spurlose Verschwinden der Menschheit auf einem „mittelgroßen Planet(en) am Rande der Milchstraße“ galaktisch hochjazzen.

Prisen der Bekanntschaft

Die Koryphäen konsultieren sich mit sehr unterschiedlichen Erwartungen. Dabei zeigt sich Steindorfer zunächst entgegenkommender als Marty. Der Naturwissenschaftler will lediglich fachmännische Informationen über den Analytiker seiner Frau einholen. Marlene neigt dazu, dem wattierten Dasein der gehobenen Mittelschicht Verwegenheiten zuzusetzen. Als Adoleszente war sie auf verbotenen Demonstrationen und pflanzte Hanf auf ihrem Balkon.

Steindorfer trägt Marty ein Manuskript an. Der Analytiker schreibt Heiner Müllers „Hochzeit von Mensch und Maschine (fort); die Emigration aus der Zeit in den Raum zur Aufhebung des Menschen in seiner Schöpfung, der Technologie“.

Steindorfer schildert sein Kommunionsphantasma von künstlicher und natürlicher Intelligenz. Marty fühlt sich an „Psycho“ erinnert. Er fragt sich, ob der Autor je einen Patienten hatte, „der mit einem humanoiden Androiden zusammenlebte“. Er findet Steindorfers Ausblick auf das posthumane Zeitalter zu provinziell, angesichts der kosmischen Provinzialität des „Nebenschauplatzes Erde“.

Was wir Erde nennen, ist „nicht mehr als ein Wimpernschlag, ein amüsanter Spielball in der Entwicklung des Universums“.

Marty Home Alone

Marlene fliegt an dem Tag nach Bali, als ihre Tochter Stella zu einem schlichten Ferientrip aufbricht. Marty (ist) allein zu Haus. Der Abgehängte entdeckt eine Männerperücke in Stellas Zimmer. Er meldet sich bei Facebook an, um die Statusmeldungen seiner Angehörigen verfolgen zu können. Bald fällt er aus allen Wolken.

Aus der Ankündigung

Als Leiter des Astronomischen Instituts von Wien dreht sich Martys Leben um die Beschäftigung mit den Weiten des Universums. Die wirkliche Welt schiebt er darüber gerne beiseite, dass seine Frau Marlene bereits insgeheim von einem Leben auf Bali träumt und seine Tochter an ihrem Frausein zweifelt, bleibt ihm verborgen. Nach einem Kongress trifft er auf den Psychoanalytiker Steindorfer, der ihn fragt, warum der Mensch eigentlich mehr über ferne Planeten wisse als über das eigene Bewusstsein, und gibt ihm daraufhin sein Manuskript. Nachdem Marlene nach Bali und Stella an den Atlantik gereist sind, findet Marty im Zimmer seiner Tochter eine Männerperücke. Wie viel weiß er wirklich über seine Frau und seine Tochter? Er erinnert sich an Steindorfer und beginnt, dessen Manuskript zu lesen, das ihn völlig verstört. Er ahnt nun, dass er über seine Sterne sein Leben vergessen hat. In einem letzten Aufbäumen beschließt er, nach Bali zu fliegen.

Zoë Jenny wurde 1974 in Basel geboren. Ihr erster Roman „Das Blütenstaubzimmer“ (FVA 1997) wurde in 27 Sprachen übersetzt und zum weltweiten Bestseller. Die Frankfurter Verlagsanstalt veröffentlichte des Weiteren ihre Romane „Der Ruf des Muschelhorns“ (2000) und „Das Portrait“ (2007), sowie ihre Erzählungen „Spätestens morgen“ (2013). Zoë Jenny lebt heute in der Nähe von Wien.