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2022-03-23 07:15:47, Jamal Tuschick

Seelische Staubecken

Zwar ist sie Paartherapeutin, aber im Augenblick des Geschehens im „Labyrinth … (des) eigenen Lebens“ so gefangen wie viele, die sich vertrauensvoll an die Beziehungsspezialistin und Ratgeberautorin wenden. In Noras Dasein gibt es keine seelischen Staubecken und lieblos vollgestellte Erinnerungsabstellkammern. Tadellos aufgeräumt ist die dingliche Sphäre. Von den Fußböden bis zur Bettwäsche beweist jedes Detail Geschmack und Zuversicht.

Sorgfältig arrangiert, sortiert und hochwertig sind die Gegenstände, die sich zu einem Interieurensemble fügen in Noras Schöner-Wohnen-Existenzialismus.

Julia Holbe, „Boy meets Girl“, Roman, Penguin Verlag, 20,-

Zur Perfektion gehört zunächst auch Paul, ein Medienmann mit großer Reichweite. Wegen ihm raucht Nora heimlich und vermeidet Safran im Abendessen. Von einem Ausflug in die weite Welt bringt Paul einen Beweis seiner Untreue mit.

„Ein schwarzer Damenschlüpfer, der nicht mir (gehört),“ gelangt unbeachtet aus dem Koffer in die Waschmaschine, um an der Leine erst erkannt zu werden. Nora kämpft mit sich auch auf einer sprachlichen Distinktionsebene. Sie fragt sich, welches Wort angemessen sei: „Schlüpfer, Unterhose, Höschen“. So oder so geht es um ein „hässliches (und) ausgeleiertes Ding“, offenbar aus einem „schlampigen“ Haushalt. Nora fühlt sich doppelt hintergangen und herabgesetzt. Pauls Seitensprungpartnerin unterschreitet den Mindeststandard, den das Ehepaar Nora & Paul auf der Strecke vom Wein über das Fernsehprogramm bis zu den Vorhängen für selbstverständlich erachtet.

Nora tröstet sich mit einem beinah noch jugendlichen Englischlehrer aus Neuseeland, der sich von ihr jedes Restaurantessen bezahlen lässt, im Weiteren aber angenehm unkompliziert die Liebhaberrolle interpretiert. Während Paul ein Ehe-Sabbatical einläutet, läuft sich ein Freund aus Studienzeiten warm für einen Liebesrausch auf der Höhe des Erfahrungshorizonts.

Verpasste Liebesideallinie

Gregory und Yann - Der Jüngere genießt die von den richtigen Entscheidungen definierte Grandseigneuresse. Der Ältere, ein Augenarzt by the way, skizziert formvollendet die verpasste Liebesideallinie. Yann erzeugt eine Stimmung vertrauter Melancholie. Nora kann mit ihm Pferde stehlen, ohne vom Sofa aufzustehen. Gemeinsam sehen sie Filme aus der Bogart-Ära.

Film noir und Mousse au chocolat blanc

Nora und Gregory: Das ist geschmeichelte Eigenliebe und ein bisschen mehr.

Nora und Yann: Das ist verdoppelte Grandezza und superber Genuss mit einem kaum merklich-schalen Nachgeschmack.

*

Julia Holbes Heldin entwickelt eine konkrete Psychologie. Ich dachte bei manchen analytischen Punktlandungen an einen Dialog im „Schweigen der Lämmer“. Dr. Hannibal Lecter erklärt der FBI-Agentin Clarice Starling die Grundlagen investigativer Interventionen.

„Oberste Prinzipien Clarice. Simplifikation… lesen Sie bei Marc Aurel nach. Bei jedem einzelnen Ding die Frage, was ist es in sich selbst? Was ist seine Natur? Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?“

Starling: „Er begehrt.“

Lecter: „Wie beginnen wir zu begehren, Clarice? Suchen wir uns Dinge zum Begehren aus? Strengen Sie sich mit allen Kräften an, jetzt eine Antwort darauf zu finden.“

Starling: „Nein. Wir können...“

Lecter: „Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen.“

*

Gregory kreuzt Noras Wege. Er macht es ihr leicht. Er übt Zurückhaltung und stellt keine Forderungen. Kann man mit jemandem zusammenleben, der so wenig von einem will?

Nein.

Yann bewirtschaftet noch eine andere Quelle der erotischen Inspiration. Sophie, erfolgreich bis dorthinaus, bietet sich Nora als Gegenspielerin in einer Superfrauenkonkurrenz an. Gleichzeitig sagt Noras Mutter dem Sinn nach: Am Ende läuft es mit jedem auf das Gleiche hinaus. Der Alltag untergräbt die Liebe.

Aus der Ankündigung

Jeder Schritt, den wir gehen, kann der Anfang einer ganz neuen Geschichte sein.

»Boy meets Girl« – mit diesem Satz kann alles anfangen, jede mögliche Geschichte nimmt von hier aus ihren Lauf. Auch für Nora verändert eine kurze Begegnung ihr ganzes Leben.

Plötzlich steht sie vor der Erkenntnis, dass sie schon viel zu lange nur eine Besucherin in ihrem eigenen Leben war. Der Schmerz über das Scheitern ihrer Ehe und die wachsende Hilflosigkeit ihres alternden Vaters setzen in ihr endlich den Wunsch zur Veränderung frei.

Als sie Gregory trifft, spürt sie, dass das Leben noch etwas anderes bereithält – und doch fehlt ihr etwas, das sie nicht greifen kann. Dann begegnet sie Yann wieder, einem Freund aus alten Tagen, den sie fast verloren glaubte.

Julia Holbe erzählt von den kleinen Momenten, die ein ganzes Leben verändern, und fängt dabei diesen magischen Augenblick ein, in dem sich Zweifel und Ängste in Hoffnung verwandeln, und etwas Neues beginnt. »Boy meets Girl« ist ein Roman wie ein französischer Film: leichtfüßig, tiefgründig und nachklingend.

»Julia Holbe erzählt mit Leichtigkeit von den Preisen, die wir in unserem Leben zahlen, von unserem Scheitern, unseren Verlusten und unserer Angst davor. Es ist viel mehr als nur ein Davor oder Danach, denn alles zusammen macht sie aus: die Landkarte unseres Lebens.« Zsuzsa Bánk (29. November 2021)

»Wenn man ein solches Buch gelesen hat, bleibt für ein paar Sekunden Sehnsucht im Herzen und ein vages Gefühl von Glück.« Christine Westermann, WDR2 Lesen über »Unsere glücklichen Tage«

Veranstaltungen

Do. 07.04. BÜSINGEN, i.R. von "Erzählzeit ohne Grenzen"

Fr. 08.04. NEUNKIRCH (CH), i.R. von "Erzählzeit ohne Grenzen"

Do, 22.06. FRANKFURT/M., Literaturhaus, “Beziehungsweisen“ - Ein Abend mit Judith Kuckart, Kristine Bilkau und Julia Holbe, 19:30 Uhr

Fr. 23.09. WITTLICH, Casino, 20 Uhr (i. R. der Reihe “Literatur im roten Salon” der Eifel-Kulturtage)

Julia Holbe, Jahrgang 1969, ist Luxemburgerin. Sie lebt in Frankfurt am Main und in der Bretagne. Zwanzig Jahre arbeitete sie als Lektorin für internationale Literatur im S. Fischer Verlag. »Unsere glücklichen Tage« ist ihr erster Roman.