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2022-03-17 05:52:44, Jamal Tuschick

„(Jede) Grenze (ist) ein empfindlicher Rand, reizbar und bissig wie ein Nerv.“ Francesco Magris

Topografische Geometrie

Straßen, „die in dem großen Licht des Meeres münden“, behagen Claudio Magris‘ Helden, einem gehobenen alternden Beobachter Triestiner Verhältnisse, weniger als die gepflasterten Uferparallelen eines (dem slowenischen Karst vorgebauten) Transithotspots im Schatten der Dinarischen Alpen.

„Das … Gebirge stellt alle Typformen des außertropischen Karstformenschatzes. Aufgrund starker … tektonischer Aktivität der adriatischen Mikroplatte verfügt es … über eines der komplexesten Karstreliefs der Erde.“ Wikipedia

Sehen Sie hierzu meine Besprechung von Esther Kinskys bei Suhrkamp erschienenen Roman Rombo.

Die Autorin eröffnet ihren Reigen mit einer narkotisierenden Schilderung der voralpin-norditalienischen Region Friaul-Julisch Venetien. Die Gegend prägt sich auf dem erdgeschichtlich-gewaltsamen Stillstand einer Stirnmoräne aus. Esther Kinsky exponiert die titanische „Materialverschiebung“. Der nicht begradigte Verlauf des Tagliamento dient einer vehementen Ursprünglichkeit als metaphorischer Notnagel. Bei guter Sicht sieht man die Lagune von Grado.

Das deutsche Wort Karst wurde in der akademischen Welt des 19. Jahrhunderts zu einem weltweit kursierenden geologischen Begriff habsburgerscher Provenienz. Er ergab sich aus der feldforschenden Anschauung lokaler Phänomene in der Triester Gegend.

Claudio Magris, „Gekrümmte Zeit in Krems“, Erzählungen, aus dem Italienischen von Anna Leube, Hanser Verlag, 20,-

Sodbrennen der Seele

Magris‘ Pensionär zählt nicht zu den traditionell polyglotten Eingesessenen. Er stammt aus Hanušovice, für Giuseppe Della Quercia, der einmal Joseph Eichholzer hieß, noch immer Hannsdorf. Einst schlug er sich aus dem mährischen Hinterland nach Triest durch, als fideler Handlanger und Tagelöhner; das räumliche Pensum hauptsächlich zu Fuß bewältigend. Es gab noch das Habsburger Reich. In der Wahlheimat kam der Erfolg fast über Nacht. Jetzt laboriert Giuseppe an den Folgen seiner beruflichen Entmachtung. Zu viel Wehmut erlaubt er sich nicht. Jede Verstimmung soll für ihn nicht mehr als „ein Sodbrennen der Seele“ sein. Eitelkeit liegt Giuseppe fern. Seine Freuden sind prosaisch. In einem seiner Häuser, einem Baustein seines Imperiums, spielt er den Portier.

*

Magris erzählt von den Grillen und Marotten situierter Senioren, die, so wie Maestro Salman Meierstein in der zweiten Geschichte, ihren Teil vom Kuchen der Anerkennung bekommen haben und sich nun, mit den Krümeln am Kinn, einzuspinnen beginnen.

Salman stammt aus Biłgoraj; ein Migrant wie Giuseppe in der Grenzstadt Triest. Der Ökonom Francesco Magris zitiert in seiner Analyse „Die Grenze. Von der Durchlässigkeit eines trennenden Begriffs“ den Philologen Jacob Grimm, der die ursprünglichste Bedeutung von Grenze in Eigentumsregelungen entdeckte. Francesco Magris beschreibt eine Parallelbewegung zwischen Staat und Ewigkeit in der Wahrnehmung Ovids. Der Limes trennte den Verbannten vom „skythischen Nichts“. Der römische Grenzbegriff war mächtig aufgeladen. Ovid erwartete von einer Verschiebung des Limes die Verschiebung des Nichts.

Wo Grundbesitz endete, verlief an der Sesshaftigkeitsscheide zum ersten Mal eine von Menschen bestandsfest gezogene Grenze. Giuseppes Nachfolger definiert dieses Überschreitungsverbot, wenn er seinem Vorgänger verbietet, Dienste des Personals zu nutzen: in einem Betrieb, den der Heruntergeputzte aufgebaut hat. Salman erkennt diese Trennlinie in einem anderen Haus. Ein unverstellter Blick, mit dem er ein herrschaftliches Anliegen aus Versehen quittiert, enthebt in Jahrzehnte alter Selbstverständlichkeiten und Vorrechte.

In seiner Jugend gehörte Salman zur faschistischen Jugendorganisation Balilla, unter den merkwürdigen Umständen eines Faschismus ohne Antisemitismus. Bis eben wusste ich nicht, dass es das gab. In Triest gab es das wegen der „liberalnationalen und patriotischen Traditionen der jüdischen Gemeinde“. Die Rolle der Feinde übertrug man den Slawen.

Magris kreiert ein Bild für die Götter: Salmans orthodoxer, sein Leben lang nur jiddisch redender Vater zwang den Sohn in der schwarzen Balilla-Uniform alltäglich aufzutreten. Salman begleitete den „mit seinem alten Kaftan“ bekleideten Mussolini-Fan, bis der Cheffaschist seiner Ideologie den antisemitischen Dreh gab, und die Familie Meierstein ihren Diasporahorizont erweiterte. Der enthusiastische Vater kehrte nicht mehr nach Triest zurück.

Aufgalopp des Unwahrscheinlichen

Die Titelgeschichte geht von einer verbürgten Merkwürdigkeit aus. 1153 erklärte der Kartograf Abu Abd Allah Muhammad ibn Muhammad ibn Abd Allah ibn Idris al-Idrisi „neben Ulm, Regensburg und Passau auch Krems zu einer bedeutenden Donaustadt“. Quelle

Der Gelehrte fand Krems großartiger als Wien. Da gibt es noch eine andere Rivalität, die zwischen Krems und Stein. Ein Ich-Erzähler reißt das an. Der Triestiner flaniert durch den Themenpark. Er präsentiert sich als Hotelgast und Konferenzteilnehmer. Sein Auftritt, es ging um Kafka, liegt hinter ihm, man ist beim gemütlichen Teil angekommen. Eine „auf penetrante Weise diskrete“, mit einem Österreicher verheiratete, in Linz lebende Triestiner Dame hat sich dem Tross angeschlossen und besteht der Hauptperson des Abends gegenüber auf eine herkunftsbasierte Komplizenschaft.

Wieder gelingt es Magris mit wenigen Worten das ganze psychologische Panorama zu schildern, den Geltungsdrang, die Erschöpfung, eine fadenscheinige Höflichkeit. Die Aufdringliche tischt eine offensichtliche Lüge auf. Sie behauptet mit einer Frau verwandt zu sein, die sich an den Erzähler aus Schulzeiten erinnere. Jener war ein im „Kasernenschweiß“ geschulter Kadett. Das schließt Mitschülerinnen an. Trotzdem weiß der Erzähler, wer gemeint ist; namentlich Nori, eine als Erscheinung des benachbarten Lyzeums von allen Infanterieeleven bis zum Wahnsinn Verehrte.

Der Autor arrangiert einen Aufgalopp des Wahrscheinlichen, am vorläufigen Ende bestätigt Nori eine alte Vertrautheit. Magris kippt die Spielanordnung wieder und wieder um, bis die Bekanntschaft mit Nori sich verflüchtigt und als Halluzination ein anderes Kleid erhält. Das Vexierbild findet keine letztgültige Deutung. Einmal nimmt Magris den Begriff Paranormal auf, ihn sofort verwerfend in der kritischen Auffassung des Erzählers. Irgendwo fragt Monika Rinck nach dem Wesen von Begriffen. Sie kommt dahin: Ein Begriff ist eine „Rast, für einen Moment das Ende der Eile – bevor das unablässig aus- und umdeutende Geschehen der skeptischen Vorstellungskraft … erneut verändernd eingreift.“

Das beschreibt Magris‘ mäandernde Narration. Den in einem Kremser Hotel angestoßenen Routinier reizen Marginalien und unauffällige Valeurverschiebungen. Nichts könnte in der retrospektiven Betrachtung weniger wiegen als die bloße Tatsache, Nori in einer Blase des Unwahrscheinlichen (in einem exklusiven Absonderungsvorgang) als erotisch dilettierender Adoleszent körperlich nah gekommen zu sein. Im Zenit seiner Abgebrühtheit gefällt dem Erzähler die Chimäre einer gespinsthaft, wie hinter windbewegten Vorhängen über die Bühne gegangenen, körperkontaktlosen Initiation.

Aus der Ankündigung

Claudio Magris’ neue Erzählungen - Gedanken über das Altern und eine Hommage an seine Heimatstadt Triest

Die Protagonisten von Magris’ Geschichten haben es alle mit einer Zeit zu tun, die ohne Anfang und Ende zu sein scheint. Der reiche, alte Industrielle, der einen Schein-Rückzug aus dem Leben inszeniert; der Reisende, der im verschlafenen Donaustädtchen Krems, berührt von einem scheinbar unbedeutenden Zufall, die Zeitlosigkeit des Lebens und der Liebe entdeckt; der Musiklehrer, der seinen Schüler nach vielen Jahren in einer Begegnung zweideutiger Grausamkeit wiedersieht. Ironisch und schonungslos, melancholisch und nüchtern lassen Magris‘ Charaktere ihr Leben abklingen. Fünf Meistererzählungen über das Altern vom bedeutenden Triester Claudio Magris. Eines seiner besten Bücher.

Claudio Magris, 1939 in Triest geboren, studierte Germanistik in Turin und Freiburg. Von 1978 bis zu seiner Emeritierung 2006 war er Professor für Deutsche Sprache und Literatur in Triest. Bei Hanser erschienen u.a. Donau (Biographie eines Flusses, 1988), Blindlings (Roman, 2007), Ein Nilpferd in Lund (Reisebilder, 2009), Verstehen Sie mich bitte recht (2009), Das Alphabet der Welt (Von Büchern und Menschen, 2011), Die Verschwörung gegen den Sommer (Über Moral und Politik, 2013), Verfahren eingestellt (Roman, 2017), Schnappschüsse (2019) und Gekrümmte Zeit in Krems (Erzählungen, 2022). Magris erhielt zahlreiche wichtige Literaturpreise, u.a. 1999 den Premio Strega für Die Welt en gros und en détail, 2001 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung und 2006 den Prinz-von-Asturien-Preis. 2009 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Essaypreis Charles Veillon. 2012 wurde ihm das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.