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2022-03-14 07:38:57, Jamal Tuschick

Marica Bodrožić in der Literarischen Freiheit des Berliner Soda Clubs 2013 © Jamal Tuschick

Nachrichtenkanäle der Seele

„Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten.“ Konstantin Ziolkowski

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„In Träumen, Büchern und in den Bergen waltet eine archaische Stille. Sie hat prophetische Füße.“

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„Manchen Träumenden ist es in bestimmten Zeiten gegeben, die mathematische Präzision der nächtlichen Bildwelt zu erkennen und daraus Lebensstoff zu machen. Die Seele öffnet ihren Nachrichtenkanal.“

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In ihren „Seelenstenogramme“ zitiert Marica Bodrožić das „Stalin-Epigramm“. In dem heimlich geschriebenen und verbreiteten Gedicht aus dem Jahr 1933 charakterisiert Ossip Mandelstam den Chef der Sowjetunion als „einen Verderber der Seelen und Bauernschlächter“.

„Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten.“

Die lyrische Subversion bildete den Auftakt der Ächtung und Vernichtung Mandelstams in mehreren Akten.

Marica Bodrožić, „Die Arbeit der Vögel - Seelenstenogramme“, Luchterhand Literaturverlag, 22,-

Putin rehabilitiert Stalin, um jene unmenschliche Ordnung anzuzeigen, die in seinen Augen eine so überzeugende Traditionslinie liefert, dass er sie verlängern will.

Bodrožić schreibt: „Stalins Handlanger … waren der Löwenzahn in seinem bissigkalten Wind.“

Die Autorin setzt ein mäandernd erzählendes Ich autobiografisch in Beziehung zu Personen der Zeitgeschichte. Unter jenen heraus ragen Walter Benjamin (1892 – 1940) und Lisa Fittko(1909 -2005). Ihnen setzt Bodrožić Denkmäler. Dazu gleich mehr.

Dalmatischer Frost

Die Erzählerin erinnert eine harte Kindheit; im dalmatischen Frost erwachte sie mit Frostbeulen in einem unbeheizten Elternhaus.

„Die Sterne hatten ihre eigene Dunkelheit.“

Das vielmehr lyrische als prosaische Ich erinnert falsche Erlösungsmelodien kommunistischer und katholischer Provenienz. Daheim im magischen Denken und Glauben entlarvte das Kind unberufene Prophetien ohne Anleitung. Gelten ließ es den Orkanwind Bora als elementare Gewalt. Es unterschied Sehende von - in ihrer geistigen Armut - Erblindeten.

Der Vater verbot sich und seinen Kindern die Tränen.

Hoffnungsloser Tollpatsch

In Giovanni Vergas Roman „Die Malavoglia“ beleben die Titelheld:innen einen ionisch-sizilianischen Flecken mit Ausblick auf die zerklüfteten Isole dei Ciclopi. Den Familiensitz kennzeichnet ein Mispelbaum im Vorgarten. Wie ein heraldisches Motiv taucht das Wahrzeichen in der örtlichen Legende als Synonym für die Malavoglia auf. Will man an einem von ihnen kratzen, strapaziert man ein zur Metapher geronnenes Bild aus dem kulturellen Gedächtnis der Einheimischen. Darin droht ein Sturm dem Baum mit Entwurzelung. Die Naturgewalt hört auf den Namen Tramontana.

Auch der Held in Marica Bodrožićs literarischer Annäherung an einen tragischen Verlauf befindet sich am Ende seiner Strecke „im Einflussbereich der Tramontana“.

Walter Benjamin zählte zu jenen, die, geführt von Lisa Fittko, und ausgehend von Banyuls-sur-Mer, die Pyrenäen auf einer Route querten, die heute als Chemin Walter Benjamin ausgeschildert ist. Der Saumpfad führt via Cerbère nach Portbou, wo sich Benjamin (sehr wahrscheinlich) das Leben nahm. Bodrožić kolportiert die hier und da gestreuten Zweifel an einem Selbstmord.

Die Erzählerin startet an der Costa Brava in dem katalonischen Küstenkaff Colera. Sie fährt zum Ausgangspunkt in einem anderen Land.

„Ich empfinde Scheu, dieses morgendliche Februar-Unternehmen als Wanderung zu bezeichnen.“

„Das Freizeit-Wort“ erscheint der Erzählerin als „kapitalistische“ Appropriation jener „Not“, in der Benjamin zu seiner alpinistischen Anstrengung ansetzte. Bodrožić attestiert dem „Unterwegsmensch“ entgegen der Laufrichtung gängiger Deutungen nicht Weltfremdheit, sondern „Weltwachheit“. Benjamin erscheint ihr als sein eigener Engel der Geschichte. Implizit fragt die Autorin, warum er nicht das Weite in Amerika suchte, so wie Gretel Karplus, die Theodor W. Adorno auf dem Weg in die Vereinigten Staaten 1937 heiratete, oder nach Palästina, so wie Benjamins hellsichtiger Freund Gershom Scholem.

Abstinenzexzess

Ich entferne mich von Bodrožićs Erkundungen

Lisa Fittko erklärte dem herzkranken Benjamin:

„Aber sind Sie sich darüber im Klaren, dass ich kein erfahrener Führer in dieser Gegend bin? Ich kenne den Weg eigentlich gar nicht, ich selbst bin noch nie dort oben gewesen. Was ich habe, ist ein Stück Papier mit einer Wegskizze, die der Bürgermeister aus dem Gedächtnis gezeichnet hat.“ Quelle

Lisa Fittko registrierte die außerordentliche Höflichkeit des gezeichneten Schriftstellers. Auch Bodrožić bemerkt die Achtung vor der Form: Als er zu Lisa Fittko kommt, „hat er angesichts der zahlreichen neuen Verordnungen, die sich Tag um Tag gegen die Juden richten, nichts außer seiner vollendeten Höflichkeit bei sich“.

„Was für ein merkwürdiger Mensch, dachte ich. Kristallklares Denken, eine unbeugsame innere Kraft, und dabei ein hoffnungsloser Tollpatsch.“ Lisa Fittko

Benjamin, der für sein Leben gern rauchte, gab das Rauchen in der Gefangenschaft auf. Die Entwöhnung führte ihn an seine Grenzen. In dem Abstinenzexzess ertrug er die Widrigkeiten eines Alltags, für den er weniger zu taugen schien als jede(r) andere. Das geringste praktische Tun überforderte ihn. Er rebellierte gegen die eigene Untüchtigkeit, indem er sich auf seiner Flucht, sich alles versagend, zum Boten seines letzten Manuskripts machte.

Lisa und Hans Fittko führten 1940/41 über dreihundert Menschen über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien.

Da sind zwei Passagen. Ein Übergang quert den Coll de Rumpissar aka Ruta Líster (nach General Enrique Líster); der andere den Coll dels Belitres - Pass der Schurken. 1938/39 nutzten Republikaner die historisch ausgetretenen Schmuggler:innenrouten in die entgegengesetzte Richtung, nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen worden war. Im Februar Neununddreißig strömten und strandeten massenhaft Kombattant:innen der weggebrochenen katalonischen Front (26. Abteilung) nach/in Südfrankreich. Viele wurden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie. Der tragische Vorgang kursiert im kulturellen Gedächtnis als Retirada. Für die rechtsgerichtete französische Regierung war dieser Rückzug eine „Massenflucht (exode massif) der Unerwünschten“.

„Les réfugiés espagnols en 1939, des indésirables“. Quelle

Als Benjamin im September 1940 seinen zweiten Fluchtversuch unternimmt, blockieren französische Schergen im Auftrag der Gestapo den Coll dels Belitres. Lisa Fittko führte das Genie über die ihr selbst noch unbekannte Ruta Líster.

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Zu den Personen, die dem Schriftsteller das Leben zur Hölle machten, zählte der in der Bundesrepublik unbehelligt ergraute und vergreiste Legationsrat Ernst Kundt (1883 – 1974). Anfang der 1940er Jahre stand er einer Kommission vor, die seinen Namen trug. Er fahndete federführend nach deutschen Antifaschist:innen in südfranzösischen Internierungslagern, um sie der Vernichtungsmaschinerie zuzuführen. Ferner organisierte er die Überwachung der Fluchtrouten nach Spanien. Seinem Befehl gehorchend, patrouillierten gardes mobiles, so Lisa Fittko in ihren Aufzeichnungen, auf den Passagen in die Freiheit. Die Einheiten waren im 19. Jahrhundert als Hilfstruppe der Armee gegründet worden. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs dienten sie - in der Konsequenz eines Abkommens im Rahmen des Waffenstillstands von Compiègne (22. Juni 1940) - kollaborierenden Mannschaften und Offizieren als Auffangbecken.

Bodrožić fasst das Bild des Grauens zwischen Okkupation und Kollaboration in ein formidables Passepartout. Sie erzählt von dem antifaschistischen Aktivisten Varian Fry, der gemeinsam mit Miriam Davenport das Emergency Rescue Committee in Marseille vertrat. Fry und Davenport versorgten die erste Reihe der deutschen Intellektuellen mit Visa. Eines Abends, so Bodrožić, sah Fry vor seinem Hotel „fünf deutsche Offiziere“ im Ornat der Arroganz.

„Sie trugen lange graue Mäntel, vorne hochgebogene Schirmmützen, die an das Hinterteil von Enten erinnerten, schwarze Glacéhandschuhe und glänzende schwarze Lederstiefel. An den Mützen konnten wir den vergoldeten Adler und das Hakenkreuz erkennen.“

Bodrožić erweitert den Kreis jener, die Gutes taten. Sie nähert sich Aristides de Sousa Mendes, der als portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux Geflüchteten ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf sein eigenes Schicksal half, bis man ihn abberief, entehrte und ächtete.

Aus der Ankündigung

Auf der Flucht vor den Deutschen gelangt Walter Benjamin im September 1940 auf einem alten Schmugglerpfad vom französischen Grenzort Banyuls-sur-Mer ins nordspanische Portbou. Tags darauf setzt er seinem Leben ein Ende. Acht Jahrzehnte später nimmt Marica Bodrožić den letzten Weg des großen deutschen Schriftstellers und Philosophen zum Anlass, um über unsere Zeit, die Komplexität von Lebensläufen und Identität, Freundschaft und Flucht nachzudenken. Für sie wird der Gang über die Pyrenäen zu einem luziden Denkweg, auf dem die Natur als synästhetisches Gefüge mitspricht. Die äußere Bergwelt verschmilzt mit der inneren Lebenslandschaft. Kunstvoll webt Marica Bodrožić in ihren Gedankenstrom die Schicksale auch anderer Intellektueller ein, die der Gewalt des 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren – etwa der Widerstandskämpferin Lisa Fittko oder des Dichters Ossip Mandelstam. Entstanden ist dabei eine überzeitliche Wanderung durch die inneren Landschaften der Seele, die das schmerzverzahnte Gedächtnis mit dem leuchtenden Kern von Poesie verbindet. »Ein großes Projekt des Denkens ganz im Geiste Benjamins.« (Paul Reitter).

»Ein Buch wie die Wanderung durch die bergige Landschaft, die es beschreibt. Man ist sprachlos ob seiner Schönheit, wird immer wieder an die eigenen Grenzen gebracht und hat am Ende so viel über sich und die Welt gelernt, dass man jemand anderes geworden ist. Ein funkelndes, ein brillantes Kleinod.« Daniel Schreiber (21. Dezember 2021)

Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien geboren. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays, die in über sechzehn Sprachen übersetzt wurden. Für ihr bisheriges Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis und dem Manès-Sperber-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Marica Bodrožić lebt mit ihrer Familie als freie Schriftstellerin in Berlin und in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Sie ist Mitglied im Deutschen PEN-Zentrum.