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2022-02-25 06:04:06, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Demir Kız

Seine Fortschritte findet er selbst so beachtlich, dass er mich zu Komplimenten ermutigt. Torsten will gefeiert werden. Meine Freundinnen finden ihn unmöglich, das heißt, sie finden ihn interessant. Ihre Vermutungen ziehen einen zusätzlichen Reiz aus der Bewunderung für Hülya. Hülya wuchs in Deutschland auf. Sie hat eine Professur aufgegeben und einen Ruf überhört, um in Ankara zu lehren und zu forschen. Das wird als Heimkehr verstanden. Man erwartet von ihr, in der Türkei glücklich zu sein. Man diskutiert die geringste Bewölkung. Von Torsten weiß ich, dass Hülya spät erst das Abstrakt der Freundlichkeit angenommen hat, mit dem sie in Ankara jeden einnimmt. Während es dem Wesen meiner total türkischen Freundinnen von Grund auf entspricht, kritisch und enthusiastisch zu sein, engagierte Staatsbürgerinnen in einer besonders dynamischen Phase der Gesellschaft eben.

Torsten erfüllt die Aufgabe, Neugier auf sich zu ziehen und zu Spekulationen Anlass zu geben. Zwischen uns steht ein Schreibtisch als Barriere. Ich bin befangen. Immer wieder fühle ich mich ertappt. Ich ahne eine Hellsichtigkeit angesichts gewisser Anpassungen, die ich für Torsten offensichtlicher als für andere vollbracht habe. Er misst den Abstand zwischen der Person, die ich in Deutschland war (sein könnte) und der Person, die vor ihm sitzt.

Zum Spaß verfällt er in ein kreatives Pidgin Türkisch. Torsten will mich aus der Reserve locken. Ich soll gestehen. Mich offenbaren und (in seinen Armen) zurücksehnen nach der Freiheit von Bielefeld. Torsten versteht sich als Versteher von Abiturtürkinnen, die in Deutschland sozialisiert wurden. Er hält uns für so etwas wie eine geheime U-Bootklasse.

Nachbemerkung

Ich wurde zu der Vorstellung erzogen, dass es kein Zurück gibt. Es hieß, die Geschichte sei ein Fortschrittsprojekt, ein Geschenk an die Menschheit, dass man allenfalls vorübergehend zurückweisen könne.

Fast alles spricht gegen das Verheißungsgefasel.

Die historische Wahrheit meldet lauter Niederlagen des Fortschritts. Wann, glauben Sie, war das, als Torsten sich vor mir in die Brust warf, meine Flirtbereitschaft testete und so tat, als hätte er ein Abo für die Sorte, der er mich zurechnete.

Lesen Sie nicht weiter, bevor Sie die Episode datiert haben.

Damals durfte keine Studierende mit einem Kopftuch in einen türkischen Hörsaal. Wir Postdoktorandinnen waren eine säkular-verschworene Gemeinschaft, die sich lachend über den allgemeinen Emanzipationsstandard hinwegsetzte. Wir waren Schwestern, Botinnen der Zukunft; kemalistische Feministinnen. Die Schattenseiten des Kemalismus wurden beschwiegen. Eine theokratische Restauration schien ausgeschlossen. Der Laizismus gab der türkischen Gesellschaft den Drive für den Anschluss an Europa.

Alle Hoffnungen haben sich zerschlagen. Unsere Erwartungen waren naiv.

Zum Schluss lasse ich Sie einen Blick in den Honey Pot werfen lassen, in dem Torsten herum krauchte. Er spekulierte auf eine erotisch konsumierbare Differenz zwischen jenen Jungwissenschaftlerinnen, die von der sexuellen Freizügigkeit in Deutschland berührt worden waren, und den Eisernen Bakireler aka echten Türkinnen. In seiner Phantasie brannten beide Fraktionen darauf, Nutznießerinnen seines Expertenverständnisses zu werden. In Wahrheit verlief die einzige relevante Demarkationslinie zwischen den sozialen Schichten.

Torstens Programm war lächerlich. Das sage ich heute. Ich erinnere einen falsch informierten Pfau. Hülya weigerte sich, Torsten zu initiieren. Sie speiste ihn ab, vermutlich amüsiert darüber, dass er mit einem Trinkgeld der Liebe vorliebnahm. Sie war eine Tochter Babylons, er stammte von Leuten ab, die niemand mehr kennen würde, wären sie nicht einer überlegenen Kultur in die Quere gekommen.