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2022-02-21 06:59:34, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

„Und der Koffer verrät mit einem lauten Knall, dass schwer gepackt wurde. Nie in der Annahme, man könnte lange bleiben. Ein schwerer Koffer will das Zuhause in einen fremden Raum bringen, mitsamt all seinem unnötigen Schnickschnack, damit es überhaupt möglich wird, sich darin aufzuhalten.“

Wohnheim am Stadtrand

Beinah jeder Tristesse wohnt ein klandestiner Zauber im Stil der Bretterbudenidylle inne. Yael Inokai eröffnet das Erzählspiel mit vier Identitätsbegriffen einer unter ihrer Patina schimmelnden, westdeutschen Sozialisation: Schwesternwohnheim (im Sinne von „Lehrlings- und Gastarbeiter:innenwohnheim“), Industriegebiet, Reihenhaussiedlung und Katzenwäsche. Die Autorin vermeidet das Wort Katzenwäsche, beschreibt aber den Vorgang. Man zog den Waschlappen durch die Achselhöhlen und über den Hals in ritueller Reduktion; in der Regel bibbernd. Zu viel Wasser schädigte die Haut nach einer verbreiteten Ansicht.

Der gewaschene Hals bildete ein eigenes Genre.

Yael Inokai, „Ein simpler Eingriff“, Roman, Hanser Berlin, 22,-

Im Heim stellt sich Stille nie ein. Eine den Reiz des Augenblicks verschlingende Eile bestimmt die Abläufe vor dem Dienst in der Klinik. Seit acht Jahren arbeitet die Erzählerin als Krankenschwester. Eines Tages erweitert die Fabrikantentochter Marianne Ellerbach den Kreis der Eingeschlossenen.

„Anderen blickte sie auf den Scheitel, mir auf die Stirn.“

Meret registriert und bestaunt die Zwanglosigkeit der höheren Tochter. Marianne leidet unter einer Wut, die angeblich nicht zu ihr gehört. Der Chefchirurg verspricht, die Wut in ewigen Schlaf zu versetzen. Siehe hierzu das nachfolgende Interview.

Das ist die Konfliktanordnung in der ersten Phase. Eine privilegierte Person verliert die Freiheit an ihre Gefühle. Ihr steht ein schwerer Eingriff bevor. Bis dahin unterliegt sie fürsorglicher Aufsicht.

Merets Mitgefühl ist ein Behandlungsbaustein. Folglich kommt die eine der anderen nicht ungebührlich nah. Während sie einander ausloten, rollt Meret ihre Familiengeschichte auf. Im Zentrum steht eine explosive Schwester namens Bibiana, kurz Bibi. Es gibt den Vater mit einer Vergangenheit als Familienschläger. Vom Zahn der Zeit abgenagt, hat er seinen fiesen Biss verloren.

Meret findet eine intime Freundin im Schwesternheim.

Hirnschnitt

Die Romanatmosphäre changiert zwischen beklemmend und trist-behaglich. Die Valeurs haben eine dystopische Grundierung. Der soziale Sockel scheint aus totalitärem Zement gegossen zu sein.

Merets Selbstbeschränkungsfuror erinnert an eine Konstellation in William Faulkners „Licht im August“. Auch da schützt sich ein Protagonist mit ausdauernder Werktätigkeit vor Imponderabilien. Das ist die Geschichte von dem Mann, der vor reichlich hundert Jahren auch sonntags (nach der Kirche) zur Arbeit geht, weil er seinen Arbeitsplatz für einen besonders sicheren, ihn von den Wechselfällen des Lebens abschirmenden Ort hält. Natürlich trifft ihn genau da das Schicksal.

Merets einnehmende Bescheidenheit verspricht ein kleines Glück im Winkel. Doch in den Schwesternheim- und Krankenhausverhältnissen rumort nicht nur der Autoritarismus eines Halbgotts in Weiß. Dessen Operationsmethode lässt sich kaum als zuverlässig bezeichnen. Der Hirnschnitt ist ein medizinisch maskierter Übergriff. Das ideologische Gesicht der Anmaßung taucht schemenhaft auf.

Aus der Ankündigung

Ein neuartiger Eingriff soll Frauen von ihren psychischen Leiden befreien. Doch ist das menschenwürdig? Eine Geschichte von Emanzipation, Liebe und Empathie.

Meret ist Krankenschwester. Die Klinik ist ihr Zuhause, ihre Uniform trägt sie mit Stolz, schließlich kennt die Menschen in ihrem Leiden niemand so gut wie sie. Bis eines Tages ein neuartiger Eingriff entwickelt wird, der vor allem Frauen von psychischen Leiden befreien soll. Die Nachwirkungen des Eingriffs können schmerzhaft sein, aber danach fängt die Heilung an. Daran hält Meret fest, auch wenn ihr langsam erste Zweifel kommen.
„Ein simpler Eingriff“ ist nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, die in einer Welt starrer Hierarchien und entmenschlichter Patientinnen ihren Glauben an die Macht der Medizin verliert. Es ist auch die intensive Heraufbeschwörung einer Liebe mit ganz eigenen Gesetzen. Denn Meret verliebt sich in eine andere Krankenschwester. Und überschreitet damit eine unsichtbare Grenze.

Yael Inokai, geboren 1989 in Basel, studierte Philosophie in Basel und Wien, anschließend Drehbuch und Dramaturgie in Berlin. 2012 erschien ihr Debütroman Storchenbiss. Für ihren zweiten Roman Mahlstrom wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet. Sie ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift PS: Politisch Schreiben und lebt in Berlin.

Aus der Verlagsvorschau - 5 Fragen an Yael Inokai

„Macht ist überall“

Im Zentrum deines Romans, Ein simpler Eingriff steht eine Krankenschwester. Was hat dich an dieser Figur und an diesem Beruf fasziniert?

Schon der Begriff ist interessant, denn es geht um eine Krankenschwester, nicht um eine Pflegefachangestellte. Der Beruf der Krankenschwester war lange untrennbar mit der Kirche verbunden. Noch in den Siebzigerjahren war es beispielsweise in manchen Schwesternwohnheimen in Deutschland Pflicht, eine Erklärung zu unterschreiben, dass man nicht heiraten oder Kinder bekommen werde, sonst müsse man ausziehen. Es war ein Beruf, in dem die absolute Selbstaufgabe erwartet wurde, in einem geradezu religiösen Sinne. Das ist ein stückweit noch immer so. Gleichzeitig eröffnete dieser Beruf Frauen lange eine Möglichkeit, ein eigenständiges Leben zu führen, unter Frauen oder alleine sein zu können. Die Krankenschwester erlebt einen Menschen in großer Verletzbarkeit und Intimität. Das ist natürlich auch ein Spannungsfeld für eine Figur, die in einer Klinikhierarchie nicht besonders weit oben steht. Von meinem eigenen Berufsalltag ist diese Figur weit entfernt. Dass meine Mutter Krankenschwester war, bot mir aber einen Anknüpfungspunkt. Sie hat ihre Ausbildung Ende der Sechzigerjahre angetreten und dreiundvierzig Jahre in einer Klinik gearbeitet. Da hat sich einiges von den schönen, aber auch schlimmen Seiten dieses Berufs und seiner Entwicklung über die Jahrzehnte transportiert.

Der Titel Ein simpler Eingriff verweist scheinbar auf einen medizinischen Eingriff. Um was für eine Art von Eingriff handelt es sich dabei?

Ich habe eine Geschichte entworfen, in der ein Eingriff Menschen gezielt von „Störungen“ befreien soll. Das ist lose angelehnt an Versuche in der Medizingeschichte, Menschen mit einfachen Mitteln von Wahn und Depression zu heilen – was auch immer diese Begriffe in der jeweiligen Zeit bedeutet haben. Der Eingriff in meinem Roman soll simpel und schmerzlos sein; eine zeitlose Hoffnung, etwas im einzelnen Menschen beheben zu können. Etwas, das vielleicht gar nicht behoben werden sollte, weil es nicht der Einzelne ist, der sich ändern muss.

Die Geschichte spielt in der Nachkriegszeit und handelt von zwei Frauen, die sich ineinander verlieben. Was verbindet und was trennt diese beiden Frauen? Und wie unerhört ist ihre Liebe?

Die beiden Frauen verbindet ihre Stellung, ihr Beruf – und ihre Gefühle füreinander. Es trennt sie, dass die eine schon sehr viel mehr über die grundlegende und internalisierte Misogynie ihrer Welt und sich selbst verstanden hat als die andere. So gesehen sind sie in unterschiedlichen Welten zuhause. Die Liebe zwischen den beiden Frauen ist im wahrsten Sinne unerhört. Lesbische Liebe wurde in der Geschichte lange Zeit negiert, tauchte in vielen Gesetzen, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellten, gar nicht auf. Das heißt nicht, dass lesbische Frauen vor Verfolgung und Gewalt geschützt waren. Aber es hat ihnen zumindest die Möglichkeit eröffnet, zusammenzuleben, zusammen zu sein, weil sich viele diese Liebe gar nicht denken konnten. Gegeben hat es sie immer. Und auch wenn uns die Bücher und Filme mit ihren oft dramatischen Kulminationen etwas Anderes erzählen wollen: Es hat genauso immer lesbische Paare gegeben, die unter teils widrigsten Umständen zusammengeblieben sind, zusammenbleiben konnten. Weshalb es mir sehr wichtig war, diese Liebe auch positiv zu erzählen.

Die wenigen Männer in deinem Buch verkörpern alle bestimmte Machtpositionen, während die Frauen eine ganz andere Art von Macht innehaben, von der sie oft gar nicht wissen, dass sie sie haben. Wie wichtig war es dir, solche Machtstrukturen aufzuzeigen?

Macht ist überall, in jeder menschlichen Interaktion. Manchmal auf unerwartete Art und Weise; die Art und Weise, wie jemand Macht ausspielt, der sie in der Gesellschaft eigentlich sonst nicht hat, ist faszinierend. Dieser Text wird nicht der letzte sein, in dem ich mich dem schreibend anzunähern versuche.

Und zum Schluss eine ganz andere Frage: Was hat es eigentlich damit auf sich, dass in deinem Buch so viel Karten gespielt wird?

Ich liebe das Cineastische eines Kartenspiels. Was da in den Gesichtern der Figuren passiert, wie sich die Stimmung zwischen den Spielerinnen stetig verändert. Was auf einer anderen Ebene eigentlich verhandelt wird. Ich habe Film studiert, für mich sind meine Bücher immer auch Kino. Das Kartenspiel in meinem Roman bringt Figuren zusammen, die in ganz unterschiedlichen Welten zuhause sind. Ich fand es spannend zu erkunden, ob es eine Brücke zwischen ihnen schlägt.