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2022-02-16 07:12:51, Jamal Tuschick

Die meisten Gäste haben ein bürgerliches Betragen, kaum einer hat eine bürgerliche Biografie. Einige sind auf dem Sprung nach Wiesbaden und Bonn. Der Wein macht grüne Bonzen blau. Die Ex-Spontis füllen Hans die Taschen.

© Jamal Tuschick

Aufbrechende Paare

»Das ist es also«, sagt Lara in der Weinstube.

»Ist doch passabel«, kontert Hans. Sein Geld steckt im Lokal.

Noch ist Platz an allen Tischen, das soll bald anders werden. Heute Abend bedient ein alter Franke. Klaus hatte noch nie eine feste Anstellung.

»Möchtet ihr was von der Karte?« fragt er verlegen.

»Vielleicht später«, tröstet Lara.

Hans hat ein Händchen für manches. Einen alten Friseurladen baut er im Alleingang zur Kneipe um. Er poliert Schrottplatz- und Flohmarkt-Funde. Aus antiken Trockenhauben bastelt er Champagnerkühler. Im Vergleich mit ihm erscheinen Laras Liebhaber dramatisch unpraktisch.

Die Leute lassen Lara und Hans nicht in Ruhe flirten. Hans ist der Wirt, Klaus trägt jeden Zweifelsfall vor.

»Wir könnten das Lokal wechseln«, bietet Hans an. Ihm ist gerade die Freundin abhanden gekommen.

»Das muss nicht sein«.

*

»Das Leben brät dir keine Extrawurst«, sagt einer, der mit seiner Fliege selbst wie eine aufgeblasene Extrawurst aussieht.

»Du brauchst mich für Zwecke, die mich nichts angehen«, sagt seine Begleiterin. Sie schwankt auf dem Grat des letzten Aufbegehrens. In diesem Stadium treten Perversionen verstärkt auf. Jedenfalls glaubt das Laras Hochmut. Lara kann essen, was sie will, sie nimmt nicht zu. Mit ihrem Haar kann sie machen, was sie will, es kriegt nicht mehr Volumen.

»Diesem Wein ist nicht zu trauen«.

»Dieser Wein hat Konturen, die erkennen lassen, wann Schluss ist«.

»Eine Chance gebe ich dem Wein noch«.

»Zahlen Sie alles zusammen?«

Die peinliche Pause.

Die ersten Paare brechen auf. Hans erzählt von Autorennen in der Wüste. Von fotogenen Staubwolken und von einer Frau, die ihn an Lara erinnerte, in ihrer Art, Verabredungen zu treffen. War sie betrunken, wollte sie wie ein vergessener Mantel in jeder Kneipe hängen bleiben. Lasst mich. Geht schon.

Die meisten Gäste haben ein bürgerliches Betragen, kaum einer hat eine bürgerliche Biografie. Einige sind auf dem Sprung nach Wiesbaden und Bonn. Der Wein macht grüne Bonzen blau. Die Ex-Spontis füllen Hans die Taschen.

Lara stochert in einer Mahlzeit, um die sie nicht gebeten hat. Sie sortiert Salzstangen aus, die in Käse stecken. Hans kobert mit seinem besten Trester. Eine Hand flutscht über Laras Gürtellinie. Ein Rückendekolleté bis zum Bauchnabel ist jedenfalls keine Beschwörung des Elends sonstwo auf der Welt. Solange das Elend da bleibt, wo der Pfeffer wächst, lebt Lara gut damit.