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2022-02-15 06:36:39, Jamal Tuschick

Anzeichen von Zuneigung

„Man sah Walter Benjamin, wenn er den Zirkus besuchte, stets schreibend. Er besuchte den Zirkus als Produzent, nicht als Konsument. Er saß in einer der Logen in der ersten Reihe und schrieb. So, als würde er bezahlt, als warte die Redaktion einer Hauptstadtzeitung dringlich auf seinen Artikel. Tatsächlich schrieb er für die Ewigkeit.“ Alexander Kluge

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„Ihr war durchaus bewusst, dass die Welt nach alten, verbrauchten Dingen stank.“

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Bath 1865. Jane Adeane ist eine Bathonian aus einem Bilderbuch viktorianischer Archetypen. Die Arzttochter und Krankenschwester erscheint wie das Konzentrat der Leistungsstärke ihres Gemeinwesens. Ihre Zeitgenoss:innen überragt sie körperlich, mental und seelisch. Das intuitive Heilwissen der mit allen Thermalwassern Gewaschenen scheint Wunder zu bewirken, zu denen moderne Hygienebegriffe beitragen.

Rose Tremain, „Die innersten Geheimnisse der Welt“, Roman, aus dem Englischen von Christel Dormagen, Insel Verlag, 23,-

Noch streitet man über die Natur der Erreger:innen von Seuchen. Ein Zauberwort der Stunde lautet Miasma. Kaum einer weiß, dass ein Infekt im Rachen den Leib vollständig in Mitleidenschaft zieht.

Man konsultiert die schöne Koryphäe in angenehmer Umgebung. Bath ist Kurstadt seit der Ära des romanischen Britanniens.

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Erst 1883 identifizieren Teilnehmer einer von Robert Koch geführten Choleramission in Alexandria den „agent cholérique“. Mediziner entdecken den Kommabazillus ausschließlich in Leichen von Choleraopfern. Das reicht nicht, um einer Gegenposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wieder einmal schießt die Leidenschaft in einen Streit der Experten. Robert Kochs Gegner heißt Max von Pettenkofer. Er infiziert sich selbst, um eine Theorie zu untermauern, die sich als unhaltbar erweist. Koch fordert starke staatliche Ordnungsmaßnahmen aus dem Quarantänekatalog. Von Pettenkofer predigt ein kapitalistisches Laissez-faire zum Vorteil des flüssigen Warenverkehrs.

Hygieniker des viktorianischen Zeitalters favorisieren Isolationskampagnen und Quarantänefestungen. Siehe das Hôpital Caroline auf der Insel Ratonneau im Marseiller Hafen. Das ist eine Bastion gegen das Gelbfieber aus der Karibik.

Bedenken Sie stets die koloniale Dynamik der Pandemien.

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Jane Adeane zählt zu jenen Pionierinnen, die der Avantgarde der Bakteriologie unter der Ägide von Louis Pasteur und Robert Koch vorauseilten.

Dialogische Selbstgespräche

Jane Adeane entzieht sich dem vornehm vorgetragenen Begehren des Arztes Valentine Ross nach London zu ihrer, dem Laudanum verfallenen Tante Emmeline. Die Verwandte bewohnt ein geräumiges Atelier in Chelsea.

Der Zurückgewiesene zieht aus der Energie der Niederlage neue Kraft. Er entwickelt ein softes Fitnessprogramm, für das er die Stunde nach dem Aufstehen reserviert. Ohnehin hält sich Valentine für einen tollen Hecht und famosen Liebhaber. Er ist eitel genug, in dialogischen Selbstgesprächen mit seiner Potenz zu renommieren und darin etwa zu sehen, dass Jane schmerzlich entbehren könnte.

„Lass mich dir zeigen, wie geschickt ich dich lieben kann.“

Das ist plump gedacht. Der Hybris‘ Ursprung liegt in einem Bordell und gleichermaßen in einem Missverständnis. Sexarbeiterinnen bemänteln ihren Spott so, dass Valentine ihn als Lob für seine Kondition fehldeutet. In den Protzereien des Freiers erkennen die Spezialistinnen lediglich unangebrachte Ausdauerleistungen.

Anrüchiges Erbstück - Was zuvor geschah

Nichts als eine „Rubinhalskette“, ein ursprünglich anrüchiges Stück, seit Generationen in der Familie, bringt Clorinda Morrissey mit nach Bath, wo die irische Hutmachergehilfin und Kurzwarenmamsell in dürftigen Verhältnissen ihr Auskommen findet.

In der Gegend suhlen Schweine in grundlosen Gassen. Clorindas Mut nimmt keinen Schaden in der garstigen Öde. Die Migrantin fasst leichten Herzens den Entschluss, die einzige Sache von Wert in ihrem Besitz zu Geld zu machen. Sie trägt die Kette zum Juwelier. Die Goldmünzen aus dem Transfer näht sie in einen Unterrock ein.

Ob sie die Naht gleich wieder auftrennt?

Rose Tremain schlägt einen Bogen. Am vorläufigen Anfang eines Aufstiegs eröffnet Clorinda in Räumen eines aufgegebenen Bestattungsunternehmens einen Salon für Tee und Kuchen. Die trinkfeste Irin wirkt auf Anhieb magnetisch auf das Publikum.

„Bald (heißt) es in ganz Bath, Clorinda Morrissey verstehe eine Biskuittorte leicht wie ein Daunenkissen zu backen.“

Die Wirtin pflegt einen egalitären Stil. „Ob Herzogin oder Bordsteinschwalbe, ob Baroness oder Bariton im örtlichen Gesangsverein“; Clorinda begegnet allen mit zuvorkommender Gleichmäßigkeit.

Thermal- und Einnahmequellen

Die einzigen englischen Thermalquellen sprudeln in Bath. Erschlossen im ersten christlichen Jahrhundert, wurden sie in der elisabethanischen Epoche zur Basis eines ständigen Kurbetriebs. Die Eingesessenen kursieren als Bathonians. Unter ihnen verdienen viele ihren Unterhalt in der expandierenden Anwendungspraxis. Ärzte, Pflegerinnen und Ausspannende verkehren bei der patenten Clorinda. Die Krankenschwester Jane Adeane zählt zu den auch körperlich herausragenden Persönlichkeiten. Sie misst hundertneunzig Zentimeter und erscheint nicht nur ihren Patient:innen als „Engel“. Der Arzt Valentine Ross begehrt Jane schmerzlich. Jane gibt ihm einen Korb und rauscht erst einmal ab nach London.

Aus der Ankündigung

Bath, 1865: Die hochgewachsene und eigensinnige Jane Adeane ist eine begnadete Krankenschwester, ihr Vater ein angesehener Lungenarzt, und so sieht der jüngere Kollege ihres Vaters, Valentine Ross, in ihr die perfekte Ehefrau. Er macht ihr einen Antrag – doch Jane findet die Aussicht, ihr Leben als Ehefrau und Mutter zu verbringen, wenig reizvoll. Umso mehr, als sie bei einem Aufenthalt in Londons freizügiger Bohème die schöne Julietta kennenlernt und in einer leidenschaftlichen Begegnung mit ihr entdeckt, dass sie nicht Männer, sondern Frauen liebt und begehrt …
Während Jane mit ihrem inneren Konflikt ringt, zieht es Valentines Bruder Edmund an weit entfernte Orte: Auf der Suche nach exotischen Pflanzen und Tieren reist der Forscher in den tiefen Dschungel Borneos. Doch er hat die Gefahren der gewaltigen Natur und des drückenden Klimas unterschätzt – und so muss auch er sich fragen, was er sich von seinem Schicksal eigentlich erhofft …

Finden wir unseren Platz im Leben dort, wo wir uns in unsere gesellschaftliche Bestimmung fügen? Oder dort, wo wir alles hinter uns lassen und unseren Sehnsüchten folgen? Rose Tremains kühner und überaus sinnlicher Roman erzählt mit unbändiger Abenteuerlust von Menschen zwischen Leidenschaft und Konvention, von Heils- und Glücksversprechen – und der Sehnsucht nach Erlösung.

Rose Tremain wurde 1943 geboren und wuchs in London auf. Sie studierte ein Jahr lang an der Pariser Sorbonne, ging zurück in ihre Heimat und begann ein Anglistikstudium an der University of East Anglia in Norwich, das sie 1967 abschloss. Dort lehrte sie später von 1988-1995 als Dozentin creative writing. Vorher war sie Lehrerin an einer Privatschule für Jungen. Rose Tremain veröffentlichte Romane, Kurzgeschichten, schrieb aber auch für Film, Funk und Fernsehen. Ihr Roman Zeit der Sinnlichkeit wurde 1995 mit Robert Downey Jr., Hugh Grant und Meg Ryan verfilmt (Restoration). Ihr Roman The Road Home, der im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Der weite Weg nach Hause erschien, wurde 2008 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Tremain lebt mit ihrem Lebenspartner, dem Biographen Richard Holmes, in London und Norwich. Im Jahr 2020 wurde sie von der Queen in den Adelsstand erhoben. Ihr Werk erscheint auf Deutsch im Suhrkamp und Insel Verlag.