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2022-02-07 09:53:40, Jamal Tuschick

Wir nehmen uns nur auf die Schippe zur Schrippe, und zwar genau da, wo 1957 Berlin - Ecke Schönhauser als DEFA-Antwort auf die westdeutschen „Halbstarken“ gedreht wurde. Im Bauch dieses Dramas von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase steckt eine Farce: Ein unsicherer Staat begegnet verunsicherten Jugendlichen mit unglaubwürdiger Autorität. Das habe ich jetzt nicht gesagt. Ursula Werner ...

Eingebetteter Medieninhalt

Die Schönhauser © Jamal Tuschick

Kaderschulung in der Uckermark

Neben der Schalterhalle des Bahnhofs Friedrichstraße hat Deutrans eine Dependance. Am Schreibtisch der volkseigenen Spedition sitzt Marion im Stil einer Vorstandssekretärin, ansprechend deplatziert in dieser Einrichtung zur Aufrechterhaltung des Scheins. Sie hat wenig mehr zu tun, als sich nicht zu sehr zu langweilen. Auf dem Tisch stapeln sich Presseerzeugnisse aus dem Westen. Die Modemagazine sind bei Marion in gepflegten Händen. Im Westen wäre sie Avon-Beraterin.

„Willkommen in der Hauptstadt, Genosse“, sagt sie süffig.

„Immer wieder schön, nach Hause zu kommen“, antworte ich.

Guten Tag, mein Name ist Hase aka Gero 'Nimo' Mansfeld, ich bin Offizier im besonderen Einsatz. Wir schreiben das Jahr 1986. Hinter mir liegt eine kurze Feindfahrt nach Westberlin. Marion rezitiert mit dem süßesten Lächeln einer überzeugten Kommunistin:

„An’nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.“ Bertolt Brecht

Ich packe aus, was ich Marion mitgebracht habe. Zwanzig Minuten später fahre ich in einem Lada der Firma zur Leipziger Straße 48. Ich berichte Oberst Horst Senger, man ist in Sorge wegen zu großer Nähe zwischen einem DKP-Genossen und italienischen Euro-Kommunisten, die sich tückisch als Gastarbeiter tarnen. Außerdem ist da noch eine hyperaktive Genossin in Charlottenburg, die mit einem BRD-polizeilichen Staatsschutzbeamten „eine Intimbeziehung“ angefangen hat.

Horst und ich gehen Bockwurst essen. Horst fürchtet, dass der Verfassungsschutz die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ unterwandert. Er muss sich nicht verstellen, wenn er den biederen Berliner gibt. Das ist er von Geburt und nach seinem Herzen.

In der DDR heißen Beamte Staatsangestellte.

Horst wäre in jedem Regime Staatsangestellter. Er hatte seine Sternstunde, als ihm Günter Asbeck durch die Lappen ging.

„Günter Asbeck (war) Chef der Außenhandelsfirma Asimex (Asbeck Import Export) und selbst ein Mann der ... HVA.“ Aus dem SPIEGEL vom 05.12.1993, Quelle

Ich will nicht fies werden, wir nehmen uns nur auf die Schippe zur Schrippe - und zwar da, wo 1957 Berlin - Ecke Schönhauser als DEFA-Antwort auf die westdeutschen „Halbstarken“ gedreht wurde. Im Bauch dieses Dramas von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase steckt eine Farce: Ein unsicherer Staat begegnet verunsicherten Jugendlichen mit unglaubwürdiger Autorität. Das habe ich jetzt nicht gesagt. Ursula Werner spielt mit, die Klempnertochter ist im Prenzlauer Berg aufgewachsen und da wie in Jahrhunderten immer tiefer eingestiegen. Ihre Mutter hat nach Berlin geheiratet, wohnte dann in Mitte, der Vater wohnte im Krieg. Bis Onkel Fritz eine Wohnung in der Greifswalder Straße besorgte. Vom Hof ging es gleich in die Küche. Zeitungspapier unterm Linoleum. Was man so Teppich nannte. Es gab mehr Ruinen als Wohnungen, die Ruinen waren verbotene Spielplätze. Was man so verboten nannte. Jungen schleuderten Milchkannen, Uschi wunderte sich: „Die Milch steht Kopf, wieso fällt die nicht?“ Wieder Wurst, diesmal bei Konnopke’s. Es ging immer um die Wurst, ganz besonders damals, als die Care-Pakete noch aus dem Osten kamen und das ganze Berliner S-Bahngelände der DDR gehörte. Die Mutter war bei Osram, der Vater verlegte Rohre. Er schmuggelte Fleischwurst nach Charlottenburg.

Klaus schnürt vorbei, sieht mich, sieht Horst, und schnürt weiter. Gelernt ist gelernt. Wir waren gemeinsam auch an der HA KuSch am Großen Vätersee bei Groß Dölln in der Uckermark. Das MfS, Hauptabteilung Kader und Schulung (HA KuSch), unterhält da seit Achtundsechzig eine Bildungs- und Ferienanlage mit annähernd vierzig Bungalows. Groß Dölln kennt man wegen seines von den sowjetischen Streitkräften betriebenen Sonderlandeplatzes. Das ist der größte Militärflughafen unserer Republik.

Morgen mehr.