MenuMENU

zurück

2022-02-06 07:58:13, Jamal Tuschick

Leuchtfeuer der Bewegung - „Open wide the Freedom Gates“ - The Voice of Black America

Rosa Parks machte den Anfang in Alabama, Diane Nash war eine „Freedom Rider“ der ersten Stunde und Dorothy Irene Height organisierte u.a. Wednesdays in Mississippi. Sie schuf Anlässe, bei denen Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und Religion aus dem Norden Frauen aus dem Süden trafen. Die Aktivistinnen lebten die Hoffnungen von Millionen auf Gerechtigkeit, die Martin Luther King, The Voice of Black America, 1963 in Worte fasste, indem er der Welt von seinem Traum erzählte: I have a dream.

March on Washington 1963 - Die größte Kundgebung, die Amerika je sah, war eine Schwarze Performance. Joan Baez sang We Shall Overcome and Oh Freedom. Bob Dylan antwortete mit When the Ship Comes In und Only a Pawn in Their Game.

„Milchgesicht aus Minnesota“

„Beim legendären Friedensmarsch in Washington 1963 waren sie vermutlich das prominenteste Paar, Königin und König der Folkszene.“

Die Autorin schwärmt von einer „stürmischen Beziehung … extrem unabhängiger Menschen“. Die Rede ist einmal wieder von Joan Baez und Bob Dylan – „der Sängerin und dem Dichter“.

Barbara von Bechtolsheim, „Paare. Von Beziehungskünstlern und ihrer Liebe“, Insel Taschenbuch, 14,-

Gelegentlich ziehen sich die Ikonen in die Carmel Highlands zurück. Ein Anwesen mit freier Sicht auf den Pazifik bietet ihnen Abwechslung vom Trubel.

„Nahe der traumhaften Pazifikbucht (konnten die Stars) zur Ruhe kommen.“

Joan und Bob singen gemeinsam. Sie nehmen, jeder für sich, “With God on Our Side” auf.

Joan Baez - With God on Our Side

Bob Dylan - With God on Our Side

Am 28. August 1963 treten Joan Baez und Bob Dylan vor einer titanischen Kulisse am Lincoln Memorial in Washington auf. Martin Luther King hält seine Rede: I have a Dream.

Die Weigerung der Afroamerikanerin Rosa Parks, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen führte erst zu ihrer Festnahme und dann zu einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startete 1955 das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung war die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wurde 1964 Friedensnobelpreisträger. Seine aktivistischen Gegenspieler fanden den promovierten Dreamer zu soft und suchten ihr Heil in der Radikalisierung. Inzwischen weiß man, dass King effektiver war als seine Antagonisten. Er erschien der Welt nachgiebig, war aber von diamantener Härte.

Simply the Priest

Mit Bob Dylan zog der Heilige Geist in die Rockmusik ein. Das Wort von Bruce Springsteen über einen, der als „Milchgesicht aus Minnesota“ in New York ankam, um rasch - und, den Chronicles zufolge: unfreiwillig - weltweit zur „Stimme einer Generation“ aufzusteigen und zum Sounderzeuger „des Protests“ anzuschwellen, suchte sich seinen blasphemischen Zusatz so, als sei das eine ohne das andere nicht zu haben.

Holy Ghost Dylan – der Germanist Heinrich Detering behauptet, bei dem 1941 als Sohn russisch-jüdischer Immigranten in Duluth geborenen Musiker sei „kritisches Bewusstsein mit religiösem Bewusstsein identisch“.

„Noch immer pocht das Ich seiner Lieder an der Himmelspforte.“

Der politisch total vereinnahmte, als Begleitmusiker von John Lee Hooker 1961 auf der Bühne des Gerde’s Folk City debütierende Künstler habe vor allem „Heils- und Unheilgeschichten“ zu erzählen. Defizitäre Sprach- und Bibelkenntnisse könnten dem deutschen Publikum die richtige Perspektive verstellen.

Eine religiöse Imprägnierung der Dylan-Lieder leuchtet ein.

Irgendwo bringt Klaus Theweleit den entscheidenden Punkt. Als besessener Nachahmer verstorbener Folkvirtuos:innen stieß Dylan an seine musikalischen Grenzen, noch bevor der Ruhm ihn erreichte.

„Dylan fehlt das Konzept jener, die schon im Mutterleib auf einen Ton gestimmt werden.“

Allen Ginsberg: „Dylan ist ganz Atem.“

Richard Klein: „Die Sprache wird von der Stimme bearbeitet, der Gesang stemmt sich gegen die apokalyptischen Botschaften des Textes.“

Legendäres Debüt

„Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.“ Bob Dylan

*

Er kam in einem 57er Chevy Impala nach New York. So steht es geschrieben in den Chronicles. Die Autobiografie ist voller Spott und Hohn für jene, die am Autor die Apotheose vollzogen - oder auch nur der Hobo-Legende auf den Lenin krochen, die Dylan verbreitete. Dem Traditionalisten aus Minnesota gefiel der Typus des amerikanischen Helden am Boden nur als poetisches Sujet: so wie ihn Jack London und John Steinbeck beschrieben und Hank Williams und Woody Guthrie besungen haben.

April 1961 in New York – Ein Unbekannter spielt in Gerde‘s Folk City. Joan und Mimi Baez illuminieren das Publikum mit ihrer Prominenz. Volksmusik ist gerade der heißeste Scheiß in Amerika, und Joan die aparteste Verkörperung dieser vor Anachronismen strotzenden Avantgarde. Der knabenkecke Provinzbarde reißt die Schwestern hin. Die Töchter des Physikers Albert Vinicio Baez nehmen den Debütanten ins Kreuzfeuer ihrer Aufmerksamkeit. Joan muss Mimi schließlich ins Hotel schicken, da Bob auch mit ihr anbändelt. Das geht gar nicht.

Königspaar des Folk

Beide kommen 1941 zur Welt, Joan Baez, in Staten Island, New York, Robert Allen Zimmerman (Bob Dylan) in Duluth, Minnesota. Achtzehn Jahre später wird Joan Baez beim ersten Newport Folk Festival über Nacht zum Superstar. Der Renaissance eines rückwärtsgewandten Fortschritts verleiht sie ihr Charisma. Das Folk Revival der ausgehenden 1950er Jahre ist ein unverstärkter Abgesang an das Cool als Markenzeichen von Konkurrenzprodukten.

Barbara von Bechtolsheim, „Paare. Von Beziehungskünstlern und ihrer Liebe“, Insel Taschenbuch, 14,-

Joan Baez rührt das Publikum mit Liedern der amerikanischen Arbeiter:innenbewegung. So verhilft sie älteren Musikern wie Pete Seeger, höre Where Have All the Flowers Gone, We Shall Overcome, If I Had a Hammer, Turn! Turn! Turn! … und Woody Guthrie, höre This Land Is Your Land, zu einer dezent-glamourösen Umgebung.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Schönsten stecken sich unter eine Decke. Joan und Bob sind vorübergehend das Traumpaar des Anti-Establishments und die Galionsfiguren der Gegenöffentlichkeit aka Bürgerrechtsbewegung. Sie schreiben nicht einfach nur Lieder, sondern Manifeste für eine bessere Welt; dies vor dem Hintergrund des US-Engagements in Vietnam.

Die Linientreuen klampfen unverdrossen und wähnen sich dabei auf der richtigen Seite des Geschichtsverlaufs, bis Bob Dylan sich in die Opposition zur Opposition begibt und einen weltweiten Sturm der Entrüstung auslöst.

Ein Purist beschimpfte den elektrifizierten Dylan als „Judas“ bei einem Konzert im Mai 1966 in der Free Trade Hall.

Die Kontroverse begann ein Jahr zuvor beim Newport Folk Festival. Dazu morgen mehr. Jetzt noch eine andere Liebesgeschichte, in der Dylan eine Hauptrolle spielt.

Aus der Ankündigung

Marilyn Monroe und Arthur Miller, Yoko Ono und John Lennon, Ingeborg Bachmann und Paul Celan, Susan Sontag und Annie Leibowitz, John Cage und Merce Cunningham … -- zwanzig Paare aus Musik, Kunst und Literatur stellt die Autorin vor und erzählt, wie Kreativität das Miteinander und umgekehrt die Liebe das künstlerische Schaffen beflügeln. Die Lebenswege vieler dieser Paare sind untrennbar miteinander verwoben. Wie gestaltet sich ihr Alltag, gehen sie mit Rivalität und Stress und Verlust um? Wie bewahren sie ihre Liebe und Leidenschaft? Auch bei diesen Künstlerpaaren ist nicht alles perfekt, und darum geht es auch gar nicht. Vielmehr inspirieren Offenheit und Sensibilität, Stetigkeit und Bereitschaft zu Neuem in der Kunst und in der Liebe.

Barbara von Bechtolsheim studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie in München und Stanford. Sie hat Lehraufträge in Literatur- und Kulturwissenschaft an diversen Hochschulen und forscht über die Kreativität von Paaren. Als literarische Übersetzerin vermittelt sie vielseitig zwischen der amerikanischen und der deutschen Kultur.