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2022-02-05 07:31:51, Jamal Tuschick

Energetische Bibliothek

„Unser Zentralnervensystem ist eine gigantische energetische Bibliothek, in der alles hinterlegt ist, was sich je in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ereignet hat.“ Thomas Hübl

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„Des Menschen Wohnung ist sein halbes Leben.“ Goethe in einem Brief vom 30. Dezember 1795 an den Maler Johann Heinrich Meyer

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„Man kann die Freiheit nicht am selben Ort kosten, wo man die Knechtschaft erduldet hat.“ Imre Kertész

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„Die Hochzeitsgäste werden zu einem einzigen Tier, das gut gefressen hat.“ John Berger

Sie waren einmal verheiratet. Jetzt sind Lucy und William beste Freunde, die sich beinah lustvoll Schwächen gestehen. Die Erotik der Verflossenen moussiert in schrägen Nischen der Vertraulichkeit.

In der Abspannphase des Lebens

Ein Forscher, der die Lehre fürchtet. Erst nach seiner akademischen Demission begreift William Gerhardt das Ausmaß seiner Aversion. Der Anpassungsdruck verstellte dem Dozenten für Mikrobiologie den Blick auf die eigene Not. Er tat, was von ihm verlangt wurde. Doch in der Abspannphase seiner Laufbahn kriechen die ein Berufsleben lang in Schach gehaltenen Ängste aus allen Ritzen. Am meisten belastet den Sohn einer in zwei Ehen zu Wohlstand gelangten Tochter prekärer Eltern und eines nach Amerika deportierten Wehrmachtssoldaten, die gespenstischen Traumauftritte seiner Mutter Catherine; einer einst expansiv eigensinnigen Frau.

Dem emeritierten Parasitologe William G. steht immer noch ein Labor und eine wissenschaftliche Hilfskraft zur Verfügung. Jetzt planscht er da, wo er früher geschwommen ist.

Über seine seelische Hinfälligkeit redet er am liebsten mit seiner ersten Ehefrau, der von seinem Nachfolger verwitweten Lucy Barton. Zwei Töchter gehören zu ihrer gemeinsamen, in New York angesiedelten Geschichte. Die genetische Fülle bewahrt den Eltern eine klandestine Intimität.

Elizabeth Strout, „Oh, William!“, Roman, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand, 20,-

Lucy schildert Williams phobisches Programm. Sie spricht von „Zuständen“.

Lucys zweiter, in der Handlungsgegenwart verstorbener Mann, ein Cellist mit armen Eltern, hieß David, Williams aktuelle Frau, eine Schauspielerin mit reichen Eltern, heißt Estelle.

Lucy geht Williams Frauen durch. Sie selbst trieb als Studierende (mit einem furchtbar trostlosen Familienhintergrund) gegen den Lehrkörper. Ihr folgte Joanne. Estelle ersetzte Joanne. In einem den grauen Gatten gleichermaßen einnehmenden und ausschließenden Vorgang wurde Williams Dritte schwanger. Beinah genauso gut hätte Estelle von einem Liebhaber das Kind bekommen können.

Für William fand das Erscheinen der späten Tochter auf einer abgeräumten Bühne statt. Erschrocken ließ er sich nach dem Überfall sterilisieren. Der überrumpelte Altvater suchte nach einem Verhältnis, dass den beiden Töchtern aus der Ehe mit Lucy Gerechtigkeit verhieß.

Estelle ist eine zugängliche, zur Mühelosigkeit begabte Person. Nennt William sie aus Versehen Lucy, zeigt sie sich amüsiert. Sie lädt die erste Frau ihres Mannes bei jeder Gelegenheit ein, bis sie sich sang- und klanglos von William trennt.

Aus der Ankündigung

Elizabeth Strout ist eine scharfsinnige und mitfühlende Chronistin des Alltags, all der kleinen und großen Dramen, die man Leben nennt. In ihrem neuen Roman erzählt Lucy Barton (die Heldin aus den Romanen »Die Unvollkommenheit der Liebe« und »Alles ist möglich«) von der komplexen und innigen Beziehung zu ihrem ersten Mann William, von den Anfängen, als sie noch studierten, von ihren beiden Töchtern und vom schmerzvollen Ende ihrer Ehe. Doch obwohl sie neue Partner, neue Liebe finden, bleiben sie einander jahrzehntelang verbunden. Und als William Hilfe braucht, ist es Lucy, an die er sich wendet …