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2022-02-04 07:40:30, Jamal Tuschick

Legendäres Debüt

„Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.“ Bob Dylan

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Er kam in einem 57er Chevy Impala nach New York. So steht es geschrieben in den Chronicles. Die Autobiografie ist voller Spott und Hohn für jene, die am Autor die Apotheose vollzogen - oder auch nur der Hobo-Legende auf den Lenin krochen, die Dylan verbreitete. Dem Traditionalisten aus Minnesota gefiel der Typus des amerikanischen Helden am Boden nur als poetisches Sujet: so wie ihn Jack London und John Steinbeck beschrieben und Hank Williams und Woody Guthrie besungen haben.

April 1961 in New York – Ein Unbekannter spielt in Gerde‘s Folk City. Joan und Mimi Baez illuminieren das Publikum mit ihrer Prominenz. Volksmusik ist gerade der heißeste Scheiß in Amerika, und Joan die aparteste Verkörperung dieser vor Anachronismen strotzenden Avantgarde. Der knabenkecke Provinzbarde reißt die Schwestern hin. Die Töchter des Physikers Albert Vinicio Baez nehmen den Debütanten ins Kreuzfeuer ihrer Aufmerksamkeit. Joan muss Mimi schließlich ins Hotel schicken, da Bob auch mit ihr anbändelt. Das geht gar nicht.

© Jamal Tuschick

Dreamteam der Gegenöffentlichkeit

Beide kommen 1941 zur Welt, Joan Baez, in Staten Island, New York, Robert Allen Zimmerman (Bob Dylan) in Duluth, Minnesota. Achtzehn Jahre später wird Joan Baez beim ersten Newport Folk Festival über Nacht zum Superstar. Der Renaissance eines rückwärtsgewandten Fortschritts verleiht sie ihr Charisma. Das Folk Revival der ausgehenden 1950er Jahre ist ein unverstärkter Abgesang an das Cool als Markenzeichen von Konkurrenzprodukten.

Barbara von Bechtolsheim, „Paare. Von Beziehungskünstlern und ihrer Liebe“, Insel Taschenbuch, 14,-

Joan Baez rührt das Publikum mit Liedern der amerikanischen Arbeiter:innenbewegung. So verhilft sie älteren Musikern wie Pete Seeger, höre Where Have All the Flowers Gone, We Shall Overcome, If I Had a Hammer, Turn! Turn! Turn! … und Woody Guthrie, höre This Land Is Your Land, zu einer dezent-glamourösen Umgebung.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Schönsten stecken sich unter eine Decke. Joan und Bob sind vorübergehend das Traumpaar des Anti-Establishments und die Galionsfiguren der Gegenöffentlichkeit aka Bürgerrechtsbewegung. Sie schreiben nicht einfach nur Lieder, sondern Manifeste für eine bessere Welt; dies vor dem Hintergrund des US-Engagements in Vietnam.

Die Linientreuen klampfen unverdrossen und wähnen sich dabei auf der richtigen Seite des Geschichtsverlaufs, bis Bob Dylan sich in die Opposition zur Opposition begibt und einen weltweiten Sturm der Entrüstung auslöst.

Ein Purist beschimpfte den elektrifizierten Dylan als „Judas“ bei einem Konzert im Mai 1966 in der Free Trade Hall.

Die Kontroverse begann ein Jahr zuvor beim Newport Folk Festival. Dazu morgen mehr. Jetzt noch eine andere Liebesgeschichte, in der Dylan eine Hauptrolle spielt.

Zwischen Ohnmacht und Amok

Jutta Winkelmann erinnert einen Abend mit Bob Dylan im Haus und auf dem Anwesen von Roger McGuinn. New Hollywood ist am Start, allen voran Dennis Hopper, der nach Jahren der Ächtung zurückgekommen ist und so das Gesetz des „They never come back“ brach. Die 68er-Stars nehmen ungeheure Mengen Drogen und riskieren viel bei Motorradstunts im großen Bassin. So heißt eine Wüstenlandschaft in Nevada und Kalifornien. Das Death Valley gehört dazu, als Aspekt der Mojave Wüste. Im Death Valley kommt kein Regen an, er wird von den Höhenzügen der Sierra Nevada gestoppt. Die Trockenheit bereitet phantastischen Verwitterungsphänomen den Boden. Die Hirngespinste der Hipster stehen da in Stein gehauen. Der Drogenwahn findet seine Entsprechungen in der Wirklichkeit, die sich als magischer Raum schildert.

Links Jutta Winkelmann, rechts Gisela Getty plus the writing ghost © gettyimages

Für Jutta ist Bob der Größte. Sie erkennt in ihm einen fürstlichen Schamanen. In seiner Liebe erfüllt (erfühlt) sie sich. Diese Liebe hält Jutta für eine vom Universum beschlossene Sache.

Jutta schreibt:

Bob zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen. Er sagt: „Da ist doch dieser Rassismus der Judenvernichtung. Woher kommt der? Was ist das? Ihr seid alle Antisemiten. Das musst du doch auch sein. Du bist doch damit aufgewachsen, das Land ist kurz zusammengeschlagen worden, aber der Boden ist verseucht von eurem mörderischen Antisemitismus.

...

Du bist doch auch eine Judenmörderin in der Grube deines Herzens. Du hattest nur noch keine Gelegenheit dazu, es auszuprobieren. Du bist ein Kind von diesen Leuten, wie du selber sagst, aber du machst hier auf brav, ihr sagt, unsere Eltern waren schrecklich, aber steckt das Schreckliche nicht auch in dir und deiner Schwester? You don’t get rid of that so easily, don’t you, Yu . . .

Ich frage: „Yu?“

Meine Zähne klappern, die Knie schlackern. Ich habe meinen Namen vergessen. Wer bin ich überhaupt? Und wo bin ich? Die ganze Situation erscheint extrem unwirklich und gleichzeitig hyperreal.

Mein Name fällt mir wieder ein.

Ich stammele: „Jutta like the state Utah“.

Bob begeistert sich für die phonetische Koinzidenz. Er überzieht nicht so wie Dennis. Sein Wesen ist nicht toxisch, sondern hell erleuchtet und (das Leben) erhaltend.

Unter uns brandet der Pazifik gegen Felsen. Ich schwanke zwischen Ohnmacht und Amok. Meine Gedanken überschlagen sich. Plötzlich sehe ich mich dazu imstande, die wichtigsten Welträtsel zu lösen; gemeinsam mit meinem von der Vorsehung für mich bestimmten Geliebten. So sehe ich Bob, für den ich mein Andersich Gisela aufgeben werde. Ich habe nie eine Zwillingsschwester gehabt. Wie berauschend, das für möglich halten zu dürfen als einer Spielfigur in Gedanken. Ein Leben ohne die Forderungen eines Menschen, der sich in mir zuhause fühlt.

„You have to be Anti-Semite, Yutah“.

Bob spielt mit mir. Ich bin wie hypnotisiert.

„Yeah, I have to be.“

Das ist ungeheuerlich. Das habe ich nicht gesagt. Mein Leben erschöpft sich im Kampf gegen die Vorurteile und Gemeinheit unserer Eltern. Ich fühle mich erschlagen und durchschaut. Haben wir den Hass denn überwunden? Sind wir wirklich bessere Menschen? Oder sind auch wir kontaminiert bis zur letzten Faser?

Ich stoße auf eine Bombe in mir.

Bob berührt mich: „No fear. You get through that. With me. I’ve seen something deeper“.

Wieder spüre ich, dass Bob als Dichter und Prophet tiefer blicken kann, tiefer als ich mir im Moment traue zu schauen, und dass ich keine Angst haben muss. Ich erkenne einen Schamanen. Er spielt mit Totenschädeln im Garten Gethsemane.

Aus der Ankündigung

Marilyn Monroe und Arthur Miller, Yoko Ono und John Lennon, Ingeborg Bachmann und Paul Celan, Susan Sontag und Annie Leibowitz, John Cage und Merce Cunningham … -- zwanzig Paare aus Musik, Kunst und Literatur stellt die Autorin vor und erzählt, wie Kreativität das Miteinander und umgekehrt die Liebe das künstlerische Schaffen beflügeln. Die Lebenswege vieler dieser Paare sind untrennbar miteinander verwoben. Wie gestaltet sich ihr Alltag, gehen sie mit Rivalität und Stress und Verlust um? Wie bewahren sie ihre Liebe und Leidenschaft? Auch bei diesen Künstlerpaaren ist nicht alles perfekt, und darum geht es auch gar nicht. Vielmehr inspirieren Offenheit und Sensibilität, Stetigkeit und Bereitschaft zu Neuem in der Kunst und in der Liebe.

Barbara von Bechtolsheim studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie in München und Stanford. Sie hat Lehraufträge in Literatur- und Kulturwissenschaft an diversen Hochschulen und forscht über die Kreativität von Paaren. Als literarische Übersetzerin vermittelt sie vielseitig zwischen der amerikanischen und der deutschen Kultur.