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2022-01-31 08:40:06, Jamal Tuschick

Das Kleingeld der Reichen

„In China verschwinden regelmäßig Leute ohne jede Erklärung.“ Desmond Shum

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Desmond Shum vergleicht das Milieu, in dem seine Frau und er Milliarden verdienten, mit einem monumentalen „Spielcasino“.

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Sie frequentieren die Pekinger Spitzengastronomie. Es ist das reine Schaulaufen. Die Status-Trümpfe werden knallend ausgespielt. „Eines unserer bevorzugten Gerichte war Wolfsbarsch für 500 Dollar pro Person, und wir bestellten auch gerne eine 1000 Dollar teure Suppe aus der Schwimmblase eines Fischs. Weder Whitney noch ich fühlten uns unwohl dabei, mehr als tausend Dollar für ein Mittagessen auszugeben.“

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„Dann brachte Audi ein 6,0-Liter-Modell mit zwölf Zylindern heraus, und Whitney musste dieses Auto unbedingt haben. Wir lebten in einem unverschämt teuren Appartement und fuhren ein Auto, das in China fünfmal mehr kostete als im Ausland. Wir leisteten uns die teuersten Dinge. Und trotzdem pumpten wir meine Leute wegen Kleingeld an.“

Shum redet an dieser Stelle von 300.000 Dollar.

Politische Kosten

Knapp verpasst er die Olympianorm über fünfzig Meter Freistil. Keine Sekunde trennen den Athleten 1988 von einem Ticket nach Seoul. Die Niederlage steckt Desmond Shum locker weg. Als Schwimmlehrer von Kindern reicher Leute verdient er gut. Das Geld nutzt der Debütant, um gut auszusehen.

Desmond Shum, „Chinesisches Roulette. Ein Ex-Mitglied der roten Milliardärskaste packt aus“, auf Deutsch von Stephan Gebauer, Droemer, 22,-

In China würden, das behauptet Shum, körperliche Vorzüglichkeit und andere Exzellenzfaktoren breit vorgetragen und kommentiert. Zurückhaltung kenne man nicht als Tugend.

Sich zu zieren sei keine Zierde in China, behauptet Desmond Shum.

Shum überragt die meisten, das rückt ihn überall in den Mittelpunkt. Routiniert strahlt er einen juvenilen Willen zum Erfolg aus.

Mit Hongkongs Nationalmannschaft der Schwimmer:innen war er schon einmal in Japan, doch Sushi isst Shum zum ersten Mal in Milwaukee. Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten besucht er Verwandte.

Die Kinder der Parteigranden studieren durch die Bank in Amerika. Sie verfügen über Wochenendunterkünfte im Trump Tower, „dem Luxusapartmentturm am Hudson River in Manhattan“.

Shum zählt aber nicht zur Elite; seine Eltern sind nach Hongkong migrierte Festlandchinesen. Ihre ursprünglichen Bindungen bestehen fort. Die Familie gehört zu einer von Peking dezent dirigierten Expatriierten-Kohorte und funktioniert auf der Geschäftsanbahnungsebene wie ein verdeckt operierendes Brückenkopfkommando. Vorderhand gehorchen sie den Verkehrsformen des westlich gefärbten Hongkonger Alltags. Ihre Mimikry ist vollkommen. Doch hinter der kosmopolitisch-privatkapitalistischen Fassade verbergen sich Akteure, die besser als andere den ungeheuren Expansionsflow antizipieren, der einen Wimpernschlag später die Koordinaten der Weltordnung verändern sollte.

So dicht am Puls der Zukunft, vibriert Shum in seiner Erwartungsspannung. Bei ihm verbindet sich der richtige Stallgeruch mit internationalem Radius. Sein Credo lautet:

„Man muss das Blatt spielen, das man auf der Hand hat.“

Shum steigt in die Familiengeschäfte ein. Er gerät in den Sog von Tante Zhang. Die umtriebige Gattin eines Spitzenpolitikers steuert der „Jagdtrieb“ wie eine Sucht.

„Wir gelangten zu dem Schluss, dass es Jagdfieber war, was Tante Zhang antrieb.“

„Als für Wēn Jiābǎo dem Amt des Ministerpräsidenten in Reichweite kam, wollte sich Tante Zhang ihren eigenen Einflussbereich sichern, anstatt ein irrelevantes Dasein als Anhängsel ihres Mannes zu führen.“

„Weder Wen noch Tante Zhang stammten von den Gründern des kommunistischen China ab.“ Deshalb bleibt ihnen der lukrativste Markt verschlossen.

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Die Altgenoss:innen der Kommunistischen Partei kümmern sich kaum um Verschleierungen dynastischer und feudaler Aspekte ihrer Herrlichkeit. Die Veteranen der Gründer:innengeneration um Mao, Deng Xiaoping und Xi Zhongxun, deren Schwur in der Partisanenhochburg Yan‘an* auf ewig Gültigkeit besitzen soll, betrachteten die Jiang Zemins und Hu Jintaos als Figuren des Übergangs und der Vorläufigkeit.

*Im Norden der Provinz Shaanxi auf dem Löß-Plateau liegt Yan‘an am Gelben Fluss. Die Stadt ist ein revolutionärer Hotspot seit den Tagen des Zweiten Sino-Japanischen Krieges. Siehe ferner: Quelle

Wie ihre aristokratischen Vorgänger:innen sind die Repräsentant:innen der Gerontokratie aus der Steinzeit des chinesischen Kommunismus besessen von Langlebigkeit.

Longävität ist das Maß aller Dinge. Man dehnt die persönliche Spanne. Darüber hinaus überlebt man in seinen Nachkommen. Deshalb zählt für die greise Avantgarde „Blutsverwandtschaft mehr als Ideologie“ Quelle.

„Ihr Vermächtnis (erfüllt) sich nur dann, wenn die nächste Führungsgeneration aus ihren eigenen Kindern besteht“. Quelle

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Shum übernimmt „Laufarbeit, (er) besucht Produktionsstandorte und studiert die Details“. Er berechnet auch politische Kosten. Er erfüllt die Funktionen „weißer Handschuhe“. Sie verbergen den Dreck an den Händen der skrupellosen Chefin.

Shum verkörpert den Aufsteiger im Boom-Fieber. Einen betrügerischen Manager blufft er aus dem Büro. Shum resümiert:

„Es muss der Schwimmer in mir gewesen sein: Ich kraulte einfach weiter.“

Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

„Bitte veröffentliche dieses Buch nicht!“ Der brisante Insiderbericht aus Chinas Wirtschaftselite

Desmond Shum: Ein Ex-Mitglied der roten Milliardärsklasse packt aus

Wann ist man wirklich mächtig? Wenn auf dem Konto eine Milliarde liegt? Wenn die Ehefrau mit der Frau des Premiers beim Shoppen große Geschäfte macht?

Desmond Shum wächst in Shanghai und Hongkong auf. Nach dem Studium in den USA stürzt er sich ins Beijinger Businessleben mit dem Blickwinkel eines Outsiders und den richtigen Connections. Er scheffelt mit Immobilientransaktionen Geld. Ehefrau Whitney pflegt Beziehungen zu Ehefrauen wichtiger politischer Akteure.

Dass in China Menschen verschwinden, wissen sie. Aber dass das ihnen passieren könnte? Niemals! Dann ändert sich alles, als Desmond Shum auf Geschäftsreise in England einen Anruf erhält: Whitney ist nicht auffindbar. Wem war Whitney Duan gefährlich geworden? Kann es sein, dass Desmond und Whitney zu viel wissen? Darüber, wie in China Politik auf allen Ebenen gemacht wird? Wie die Ehefrau und Kinder von hohen Parteiführern sich hemmungslos bereichern? Wer sich wie am besten schmieren lässt?

Vier lange Jahre kein Lebenszeichen von ihr. Desmond und ihr gemeinsamer Sohn leben im Londoner Exil und wissen nicht, ob sie noch lebt. Bis zu dem Tag, als dieses Buch erscheint und er ihre Stimme hört am Telefon. Sie fleht ihn an: Bitte veröffentliche dein Buch nicht. Denn: Desmond Shum nennt Namen, Orte, Firmen, konkrete Personen auch aus der Kommunistischen Partei. Er hat in dieser Welt gelebt, er hat mit seiner netzwerkenden Frau die Strippen gezogen – und wusste doch, dass er nur eine Marionette war in den Händen der Parteiführung – und dass sein Leben nur ein einziges Spiel war: chinesisches Roulette.

Selten hat es jemand gewagt, so offen über das zu schreiben, was in China Macht bedeutet. Der New-York-Times-Bestseller ist ein brisanter Augenzeugenbericht aus der neureichen Wirtschaftselite Chinas. Er legt die Hintergründe der "Explosion" des chinesischen Kapitalismus in den 2000er Jahren offen, erzählt von einem, der mit verstrickt war und mitverdient hat.

Desmond Shum, geboren 1968, wuchs auf in Shanghai und Hongkong. Nach dem Bachelor in Finanzmanagement an der Universität Wisconsin-Madison, startete er durch als Finanzinvestor in Beijing. Heute lebt er mit seinem Sohn in England.