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2022-01-25 09:13:03, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Der Fuchskragen als Hauptsache

Hermann rückt feist zum Tresendurchgang auf, das Personal muss ihn umgehen.

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Hermann verstellt gern Personalwege. Die letzten Gäste hätten gern ein neues Teelicht. Ein einsamer Nussknacker auf der Durchreise wüsste gern, wie spät es ist. Trapperesk trägt er einen Fuchskragen als Hauptsache. Daisuke würde gern Dave Dude hören, der Wunsch bleibt unbeachtet. Ich erinnere mich an Zeiten, da haben wir die Surf- und Countrytitel ständig gehört, die Daisuke direkt aus Amerika bezieht. Damals stand noch die Frage im Raum: Was ist Cowpunk und was ist kein Cowpunk? Oft diskutiert am Beispiel von Hank Williams III.

Wenn ich mich nicht irre, dann hat Tanja für Daisuke gar nichts mehr übrig. Er sitzt noch genauso vermaledeit herum wie vorhin.

Morgen muss Daisuke das pfandfreie Leergut zu den Containern vor Brittas Bio-Boutique tragen, die Altglaskiste ist rappelvoll. Für mich zählt, dass Daisuke dafür keinen Auftrag braucht. Er sieht, was anliegt. Ich lasse Tanja den Umsatz feststellen, das läuft schon auf eine Entbindung vom Thekendienst hinaus. Tanja begibt sich mit der Kasse auf die Publikumsseite des Tresens, auch das soll mir was sagen.

„Ist genug Minze da?“ fragt sie leidenschaftlich. Sie liest Bücher aus der Leihbibliothek. Ich kenne sonst keinen, der so was tut.

Aava rückt zu Tanja auf und fängt gleich an von ihrem Ex, „diesem Rolls Royce“ unter Musikern und Graffiti-Granden. Sein Tag markiert immer noch ihr Revier in Frankfurt. Louis lebt mit einem sprechenden Kühlschrank zusammen und trägt aus gesundheitlichen Gründen Zwiebeln in der Unterhose. Natürlich sind Louis und Grete (zu Grete gleich mehr) in ihrer Exzessbereitschaft blutsgeschwisterlich verbunden. Louis hat immer was zu lachen, wenn er mich sieht.

Die Beziehung zwischen einem Koch und einer Köchin charakterisiert Aava als K & K-Monarchie. Die Rote Armee, als periodisches Usurpationsereignis, ist auch von ihr. Nebenbei seift sie Hermann ein, der sich auf einem Kellnerblock Notizen macht.

Inzwischen pisst Hermann Zucker. Aava erzählt von einer Hose aus ihrer Punkphase, die so steif war von Dreck und Farbe, dass man sie in die Ecke stellen konnte. Diese Hose gehört zu ihr wie der Name an der Tür. Aava hat ein feines Gespür für die eitlen Nöte alternder Männer. Sie lässt Hermann aufrücken und sonnt sich in seiner Reichweite. Ihm wird hier einmal alles gehören. Sein Name gehört zu dem Preis, den er dafür zahlen muss.

Aava kennt reizempfindliche Phasen, dann kann sie nicht vor die Tür. Ihre koreanische Heilerin rät zu Sauerkrautsaft. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Jedenfalls will ich mir die Bedeutung des Narren im Tarot von ihr nie mehr auseinandersetzen lassen.

*

Es gibt nichts Unbedeutendes. Eine hochgezogene Augenbraue, ein abgleitender Blick, eine beiläufig wegwerfende Handbewegung, das kurze Entgleisen der Züge ... im Augenblick lautet die wichtigste Frage: Hat es Milli Vanilli gebracht oder eher nicht?

Toni durfte einem der Musikerdarsteller bis zur Wahrnehmung seines Aftershaves nahekommen, die anderen wissen, dass Fabrice im Dschungelcamp war. Alle versuchen „Girl you know it´s true“ zu singen, keinem gelingt es.

„Attacke“ befiehlt Hermann. Die letzten Gäste haben mit ihrem Abgang ahnungslos das Rauchverbot im Saal aufgehoben. Tanja knallt Aschenbecher auf den Tresen, die Kaffeemaschine kaprioliert, als sei sie auch froh und beteiligt. Durch das Nordend geht ein Ruck, in der Burg sind nur noch Eingeschweißte, die Party kann beginnen. Obwohl sie nicht im Dienst sind, räumen Aava und Toni Tische ab, ihre Kollegialität gegenüber der waltenden Schicht geht mir zu weit.

Die Kaffeemaschine steht an ihrem Platz wie eingerückt vor hundert Jahren. Das Begehren einer Sechsunddreißigjährigen als Altenpflegerin in den Arbeitsmarkt re-integriert zu werden, schmetterte die Begründung ab, sie sei schon zu dicht am potentiellen Kundenkreis. Das ist eine Schote aus Hermanns Vorrat. Der Juniorchef plädiert auf Schnaps, ich trinke zuerst einmal einen Fernet mit. Es ist Freitagabend, wir gehen in kleiner Besetzung ins Wochenende.