MenuMENU

zurück

2022-01-24 09:08:05, Jamal Tuschick

„Farne sind älter als Mann und Frau, älter als richtig und falsch. Sie sind geschlechtslos und haben weder Samen noch Blüten.“ Rachel Cusk

© Jamal Tuschick

Ultrathrill

In San Francisco agitierte Yesüga Ulusu Briefträger:innen und Lastwagenfahrer:innen, die an den Wochenenden als Billardkönig:innen und Dartkoryphäen aufschäumten. Yesüga befand sich in einer kritischen Phase der Postadoleszenz. Ich war dann das „leuchtend bunte, superattraktive Pfauenmännchen“ mit der überprächtigen Federschleppe in Fisher’s Runaway Selection.

Von Richard Dawkins wissen wir: „Von wirklicher Bedeutung für die natürliche Selektion ist das Überleben der Gene. Dem Pfauenmännchen kann man folgende legitime, kurze Formulierung in den Mund legen: ‚Wenn ich mir unauffällige Federn wachsen lasse, werde ich vermutlich lange leben, aber ich finde keine Partnerin. Wenn ich bunte Federn hervorbringe, sterbe ich wahrscheinlich schon früh, aber vorher kann ich eine Menge Gene weitergeben, darunter auch diejenigen für die Herstellung bunter Federn‘.“

Kurz bevor wir uns kennenlernten, begegnete Yesüga Paul Mason. In einer Bar, die als Blase in einem imperialen Salzwasseraquarium eingelassen war, erzählte Mason von dreißigjährigen Vorstandsvorsitzenden, die, so schrieb Mason in seiner Kampfaufforderung Helle, lichte Zukunft, „den sozialen Krieg, der seit geraumer Zeit an den Rändern des globalen Systems tobt“, mit einer Agenda der Unversöhnlichkeit auf die Magistralen der Welt tragen. Mason bewunderte das Engagement und begleitete es furios-journalistisch. Er lieferte Bilder, die in Kinderzimmern zündeten: als Vorlagen für eine Aufstandsästhetik, die so anziehend wirkte, dass debütierende Bürgerkrieger:innen sie kopierten.

Da kam der ultimative Jugendstil und dessen Ultrathrill her.

„Wenn wir Gerechtigkeit erreichen wollen, müssen wir auf dem Weg dahin manche Leute als Feinde betrachten und so behandeln“, verkündete Mason.

Das war der aktivistische Standpunkt. Er wurde weltweit vertreten. Überall träumte man von unversöhnlichen Interventionen. Ich erinnere an Sibylle Bergs Brainfuck:

„Wir werden sie aufspüren, ihre Schwachstellen herausfinden und ihnen eine Sekunde schenken, die sie nie vergessen werden.“