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2022-01-21 09:12:11, Jamal Tuschick

Ein Kuss wie ein Flächenbrand

Sie studieren in London, fiebernd vibrierend von der Freiheit in sturmfreien Buden. Im Sturmlauf einer Demonstration begegnen sie sich zum ersten Mal. Abbie kippt aus den Latschen. Oz kümmert sich um die Asthmatikerin. Der ungemein stattliche „Retter“ entzückt Abbie auf den ersten (verschwommenen) Blick. Sie registriert das Interesse anderer Frauen. Sie „machen (Oz) schöne Augen“. Bald erfährt die Schwärmende, dass Oz‘ Heimkehr unmittelbar bevorsteht.

Caroline Khoury, „Nur ein einziger Tag“, Roman, aus dem Englischen von Christel Dormagen, Insel Verlag, 14.95 Euro

Alles läuft auf eine einmalige Gelegenheit für Abbie und Oz hinaus. Sie folgt ihm auf dem Parcours seines letzten Tages in London. Abbie begleitet den Unwiderstehlichen zur Wallace Collection am Manchester Square.

Vor Nicolas Poussins barocker Allegorie Ein Tanz zur Musik der Zeit testet das Begehren seine Reichweite. Abbie und Oz tasten sich ab wie defensive Boxerinnen.

„Als er dieses Gemälde in der Londoner Wallace Collection gesehen habe, schreibt Anthony Powell in seinen Memoiren, habe er gewusst, wie sein (Epos Ein Tanz zur Musik der Zeit) aussehen solle, nämlich wie Menschen sich nach einer Melodie bewegen, die ihnen die Zeit vorgibt.“ Quelle

Londoner Straße verschwimmen „magisch“ im abendlichen Nebel, als Abbie und Oz ihren Weg fortsetzen.

„Und seine Stimme. Sie lockte mich, als wäre ich Odysseus, der dem Gesang der Sirenen nicht widerstehen kann.“

Schon schnappt die Hyäne Frustration nach Abbie, da Oz sie immer noch nicht geküsst hat.

Traut er sich nicht? Halten Ihn amouröse Verpflichtungen zurück?

Endlich tanzen Abbie und Oz zu Solomon Burkes Cry to Me.

Goldene Totenschädel und tscherkessische Odalisken dienten dem Prestige der osmanischen Sultane © Jamal Tuschick

Heimliche Hoffnung

In den Goldenen Jahrhunderten des Osmanischen Reichs ankerte die Flotte des Sultans in der Bucht von Dolmabahçe. Nach einer (mit dem Mythos verwobenen) Legende gingen da schon die Argonauten an Land. Schließlich verlandete der türkische Bodden und bot sich in seiner Fruchtbarkeit als königlicher Garten - bahçe an. Ein verspieltes Ensemble fürstlicher Unterkünfte mit Sommerresidenzcharakter entstand. Im 19. Jahrhundert ließ Sultan Abdülmecid einen ultramodernen Palast - den Dolmabahçe Sarayı - Palast der vollen Gärten - mit englischem WC und Gaslicht erbauen.

Die Haupthallendecke trägt einen konkurrenzlos kolossalen Kronleuchter. „Fälschlicherweise wird (der Glühbirnengigant) als ein Geschenk der Königin Victoria von Großbritannien beschrieben“ (Wikipedia). Der Protz hängt im Istanbuler Bezirk Beşiktaş. Aufmerksame Leser:innen erinnern sich. Özgür ‚Oz‘ Arsel stammt aus Beşiktaş. Stunden vor seinem Abflug in die Heimat gab er Abbie die Herkunftsinformation mit einer heimlichen Hoffnung.

Burada oldugˇun için çok mutluyum

Nun trifft Abbie den Hinreißenden in seiner Ursprungsumgebung am Bosporus.

Noch etwas förmlich sagt Oz: „Burada oldugˇun için çok mutluyum.“

Beide wissen es. Eine Liebesglut, die nie erkaltet, zwingt sie zueinander. Der Rausch und das Fieber magnetischer Anziehung kulminiert in dem Satz: „Meine Lippen öffnen sich, sobald er sich mir nähert.“ In der kommenden Nacht wird Abbie ihre „Lippen streicheln, die dann immer noch Spuren seiner Berührung“ tragen werden.

Gelegentlich unterbrechen konventionelle Impulse die heruntergespielte Raserei. Oz rät Abbie zu einem Besuch des Dolmabahçe Sarayı. Er kehrt den Reiseführer hervor, um der Überwältigung mit seinen letzten Reserven Einhalt zu gebieten.

Der Palast „beherbergte sechs Sultane, bevor das Osmanische Reich zerstört wurde. Vierzehn Tonnen Gold wurden zur Verzierung der Decken benötigt. Die Geschichte ist interessant. Und ich würde gern deine Ansichten …“

In Abbies Augen wohnt Oz kaum weniger prunkvoll, jedenfalls in einem „bewachten Anwesen“. In seiner gartenfestlich illuminierten, häuslichen Umgebung kommt Oz der Hingerissenen noch einmal ganz anders vor. Er trägt einen Smoking und ein offiziöses Gebaren zur Schau. In seiner Sphäre ist jede Party ein Geschäftstermin.

Aus der Ankündigung

Als Abbie Jones einen internationalen Kongress in Paris besucht, traut sie ihren Augen nicht: Einer der Redner ist Özgür. 15 Jahre zuvor trafen sich die beiden in London und verliebten sich unsterblich. Doch damals war ihnen nur ein einziger Tag vergönnt, denn Özgür musste nach Istanbul zurückkehren, um in das Familienunternehmen einzusteigen. Ihre Versuche, einander wiederzusehen, standen unter keinem guten Stern. Das Schicksal funkte jedes Mal dazwischen ... Nun ist Abbie eine erfolgreiche Anwältin und steht kurz vor der Hochzeit, doch diese unerwartete Begegnung wirft sie aus der Bahn. Sie erkennt, dass sie Özgür nie wirklich vergessen konnte. Hat ihre Liebe diesmal eine Chance? Ein dramatischer und ereignisreicher Roman um eine schicksalhafte Liebe.

Caroline Khoury ist libanesisch-walisischer Abstammung. Sie floh als Kind mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Großbritannien. Sie lebte in Hong Kong, Tokyo and New Jersey und zog vor kurzem zurück nach Großbritannien. Nur ein einziger Tag ist ihr erster Roman.