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2022-01-21 08:28:21, Jamal Tuschick

Freiheit ist therapeutisch

„Auch das ist ein Negativprodukt von Aufklärung - dass die Leute ständig meinen, sie müssten etwas verstehen.“

„Der Kopf gehört nicht ins Theater ... Erfahrung kann man nur blind machen.“ Heiner Müller

Der Nocebo-Effekt

„Wie mächtig der Nocebo-Effekt sein kann, zeigte einst ein Fall in den USA: Wissenschaftler um den Psychiater Roy Reeves … berichteten im Jahr 2007 … (von einem Mann) der an einer Antidepressiva-Studie teilnahm und sich mit den ihm überlassenen Psychopharmaka das Leben nehmen wollte. Tatsächlich sackte sein Blutdruck so tief, dass … (er) in eine Notaufnahme kam. Dort stellten die Ärzte jedoch fest, dass der Mann zu jener Hälfte der Studienteilnehmer gehörte, die ein Scheinmedikament bekommen hatten. Als der Mann davon erfuhr, verschwanden die Symptome.“ Quelle

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„Der Verzicht auf Ekstase ist ein Verrat an unseren wahren Möglichkeiten.“ R.D. Laing

Ronald David Laing war ein Antipsychiatrie-Aktivist der ersten Stunde. Die Bewegung fand zumal in Italien eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Unter der Losung „Freiheit ist therapeutisch“ drangen Franco Basaglia und seine Frau Franca Ongaro ab den 1960er Jahren auf die Schließung der (die Insassen verdinglichenden) Irrenhäuser.

„Basaglia führte Mal- und Theaterstudios ein.“ Quelle

In den italienischen Antipsychiatrieprogrammen begriff man Kunst als Arbeits- und Kampfmittel weit weg vom Geniebegriff. Indirekt bezieht sich Claudia Petruccis in ihrem Roman „Die Übung“ auf diese Praxis. Ihre Heldin Giorgia ragte vorübergehend aus einem Ensemble, das zumindest teilweise therapeutische Funktionen hatte.

Im Handgemenge mit der Realität

Ein Paar am Rande des gemeinsamen Nervenzusammenbruchs - Daheim im Mailänder Bezirk Lambrate, bewegen sich Giorgia und Filippo noch nicht lange jenseits der Marken studentischer Leichtigkeit. Im Handgemenge mit der Realität haben sie, jede(r) für sich, den Kürzeren gezogen. Zurückgeblieben und abgeschlagen vom Mittelstandsfeld der Generationskohorte isolieren sie sich. Allein der Freitagabend funktioniert noch als „Wellenbrecher der Woche“. Giorgia und Filippo halten fest an der Fama postadoleszenten Vorglühens. Sie entspannen mit einer Erinnerung, „die keinen Bezug mehr zu ihrer Lebenswirklichkeit hat.“

Vom Therapieabbruch zur Panikattacke

Vollzeit

Am Ende einer therapeutisch-theatralischen Versuchsstrecke zieht Giorgia nur noch die Linien nach, die sie limitieren. Bis hierhin und nicht weiter.

„Niemand weiß, wie viel Energie manche Leute investieren, nur um normal zu sein.“ Albert Camus

In der Gegenwart des Romangeschehens arbeitet Giorgia in einem Supermarkt, in dem sie selbst nicht einkaufen würde. Zur Abwehr der allzeit drohenden Depression bedenkt die gescheiterte Schauspielerin Kund:innen mit Stories.

Sie neigt dazu, „alles in sich aufzunehmen“.

Claudia Petrucci, „Die Übung“, Roman, Klaus Wagenbach Verlag, 23,-

Eines Tages bemerkt Giorgia die Trauer eines herausgeputzten Kindes und resümiert ins Blaue. Schließlich wird auch das Kind gelernt haben, so Giorgia, „nicht nur ein Filter zu sein“.

Giorgia setzt „Zerstreuungstechniken“ ein, um stabil zu bleiben. Nach Kräften trägt sie sich federleicht vor; das Wesentliche verhehlend. Mit Filippo teilt sie den Schwindel über dem sozialen Abgrund.

Auch Filippo hat seine Zehen nur kurz in das kalte Wasser einer selbständigen Existenz gesteckt. Er verweigert die erwachsene Autonomie in der Bar seiner Eltern. Die Glocke über dem Eingang einer Caffè-Institution im Univiertel scheppert seit dreißig Jahren.

Auf „liebevolle Weise“ verhasst

„Leere Theater bergen das Versprechen eines unendlichen Raums.“

Dann trifft Giorgia den Regisseur Mauro. Er kennt sie als jemand, der mitten in einer Produktion seine Beteiligung kündigt. Und Tschüss. Trotzdem drängt der Düpierte Giorgia in ein Engagement. Filippo begleitet sie zu den Proben und erfährt, dass seine Freundin - wegen ihres Talents - bei den Kolleg:innen „auf eine liebevolle Weise“ verhasst ist/war.

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Im nächsten Durchgang erscheint Georgia als Patientin in der „Heilanstalt Anastasio“ in der Lomellina. Es folgt eine Verlegung in eine private Einrichtung. Filippo und Mauro kümmern sich um die Kranke.

Giorgias Familiengeschichte wird aufgerollt, und ein großes Geheimnis gelüftet. Bald lebt Giorgia ganz „im Rhythmus ihrer eigenen Gezeiten“.

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Bis dahin wirkt Filippo Bonini lediglich wie Giorgias Herold. Die Beanspruchung der Erzählerrolle löst den schwachen Widerstand aus, der sich einstellt, wenn man eine Anmaßung wahrnimmt, ohne sie bedenklich zu finden.

Filippo berichtet vom Flirt einer Begabten mit dem Wahnsinn zunächst so als stünde ihm ein Begriff der eigenen Inferiorität zur Verfügung. Beinah schamvoll erscheint manche Einlassung. Ich sehe ihn mit den Kolben der Kaffeemaschine hantieren. Er reinigt den Milchschäumer, redet seiner Mutter nach dem Mund. Das ist Filippo, solange er mit Giorgia einen idiosynkratischen Paarlauf absolviert.

Schließlich öffnet sich die Perspektive. Nun tritt Filippo mit dem Gestus des Allwissenden auf, als sei Giorgia sein Geschöpf; eine Figur, der er diese und jene Gestalt zu geben die Kraft und das Recht besitzt.

Aus der Ankündigung

Giorgia ist wieder ganz sie selbst. Nur manchmal macht sie Fehler, merkwürdige Dinge, die nicht im Skript stehen. Vielleicht müssen wir sie doch noch einmal schreiben … Ein abgründiger Roman über brüchige Identitäten, männlichen Größenwahn und die durchlässige Grenze zwischen Liebe und Manipulation.

Claudia Petrucci, 1990 geboren, hat in Mailand Literaturwissenschaft studiert, in der Werbebranche, als Olivenöl-Vorkosterin und Social-Media-Managerin gearbeitet. Für ihren Debütroman »Die Übung« erhielt sie 2020 den renommierten Premio Flaiano. Petrucci lebt in Perth/Australien.