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2022-01-14 08:26:57, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Eddies Abdankungsstory und Andrews bündige Verbürgerlichung

Der Mann meiner Mutter verfügte über einen trivialen Schatz, bestehend aus Erinnerungen und Fehldeutungen. Ein Augenblick am Comer See in den Fünfzigerjahren verlieh dem Landschaftsbegriff Lombardei einen besonderen Klang im Verein mit dem labial stets unbewältigten Lago di Como.

Sich einen Zungenbrecher auf der Zunge zergehen lassen …

Der Italienfahrer trug ein Lumberjacket: ein Wort wie eine Grenze, die auf dem zweiten Bildungsweg nie überschritten wurde. Als geborener Sozialdemokrat lehnte er es ab, sich am Fürstenhäuserbetrieb zu delektieren. Adelsklatsch war was für Leute mit dem falschen Bewusstsein. Doch gab es da eine Lücke - Eddies Abdankungsstory. Nicht, dass der Mann meiner Mutter sich die Namen der Protagonisten jemals gemerkt hätte. Er wusste nur, in England hat es einen König gegeben, der aus Liebe zu einer Frau aus dem Volk bürgerlich geworden war.

Für den Mann meiner Mutter begleitete die britische Verfassungskrise von 1936 einen Triumph der inneren Freiheit.

In der schlichten Vergangenheit der häuslichen Rezeption

Eduard VIII. sah sich gezwungen, die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten.

Das Commonwealth stand Kopf.

Regierungen überschlugen sich. Simpson erschien dem Establishment mehr als zweifelhaft. Georg VI. übernahm nach der Abdankung des Bruders. Ein historischer Katzensprung später regiert noch immer Georgs Tochter. Mit der ungeprüft übernommenen Version des Mannes meiner Mutter begegnete ich in den 1980er Jahren dem Rechtswissenschaftler Marius „Gott von Göttingen“ Schwertfeger. Den Spitznamen verdankte Schwertfeger einer scharfsinnigen Arroganz. Auf seinen Feldern galt er als unschlagbar. In einer Pinte unweit der Gänseliesel brachte ein langsamer Denker zur Illustration einer Verfassungsfinesse das Gespräch auf Eduards Verbürgerlichung.

Schwertfeger nannte Eduards Lage in der Spätphase der Regentschaft tragisch. Er sagte:

„Wer so dicht an der Macht geboren wurde, stirbt, wenn sie er sie nicht ausübt.“

Schon damals hätte Prinz Charles versagt. Ich sah den royalen Dummy gestern im Fernsehen, seine greise Mutter flankierend. Auf der anderen Seite paradierte Ex-Prinz Andrew. Dessen bündige Verbürgerlichung widerspricht der royalen Idee. Noch vor nur hundert Jahren wäre lediglich der Zuhälter eines potentiellen Thronfolgers überhaupt straffähig gewesen.

Jeder hätte Schwertfeger widersprechen können. Eduard zelebrierte als Gatte einer Geschiedenen eine Riviera-Existenz. Er überlebte seinen regierenden Bruder um Jahrzehnte. Dennoch behielt Schwertfeger Recht. Die verblasste Allmacht des englischen Königshauses liefert eine Seifenoper rund um den Themenkreis teurer Bedeutungslosigkeit.