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2022-01-13 07:28:11, Jamal Tuschick

Er schoss Fotos, die ihn unsterblich machten, während um ihn herum wie am Fließband gestorben wurde

Ein zum Kampf Verdonnerter erwirbt in seiner Not das Recht, sich bei jeder Gelegenheit zu drücken und dem Menschenrecht auf Feigheit Geltung zu verschaffen. Einer, der sich freiwillig in Gefahr begibt, dreht unter Druck unweigerlich am Rad seiner Grandiosität. Und so ging Robert Capa am D-Day mit „der ersten Welle rein“. Am Dienstag, den 6. Juni 1944 schoss er im Rahmen der Operation Neptune am Strand von Colleville-sur-Mer/Saint-Laurent-sur-Mer aka Omaha Beach Fotos, die ihn unsterblich machten, während um ihn herum wie am Fließband gestorben wurde.

Lost & Beat

Robert Capa (1913 - 1954) kultivierte die Lakonie der Lost Generation, die vor allem in der Spielart des Amerikaners in Paris so lange den Ton angab, bis die Beat Generation an den Start ging. Das erklärt den leicht bramarbasierenden Duktus:

„Ich würde sagen, der Kriegsberichterstatter bekommt mehr Drinks … er darf ruhig feige sein, und nicht dafür hingerichtet zu werden, ist seine Marter.“

Alex Kershaw, „Robert Capa. Der Fotograf des Krieges“, Ullstein

Er handelt auf eigene Rechnung, kann abwägen, sich zurückziehen, eine Einladung in die nächste heiße Zone ausschlagen. Capa formuliert es so:

„Der Kriegsberichterstatter kann seinen Einsatz in letzter Minute wieder in die Tasche stecken.“

Das Blutbad im Sperrfeuer

Ein zum Kampf Verdonnerter erwirbt in seiner Not das Recht, sich bei jeder Gelegenheit zu drücken und dem Menschenrecht auf Feigheit Geltung zu verschaffen. Einer, der sich freiwillig in Gefahr begibt, dreht unter Druck unweigerlich am Rad seiner Grandiosität. Und so ging Capa am D-Day mit „der ersten Welle rein“. Am Dienstag, den 6. Juni 1944 schoss er im Rahmen der Operation Neptune am Strand von Colleville-sur-Mer/Saint-Laurent-sur-Mer aka Omaha Beach Fotos, die ihn unsterblich machten, während um ihn herum wie am Fließband gestorben wurde.

Was zuvor geschah

Sie kennen sich alle. Als der Krieg die Richtung wechselt und auf Deutschland zuzurollen beginnt, kommen amerikanische Chefchronist:innen nach Europa, um den Sieg der freien Welt über den Faschismus mit ihren Namen zu signieren. Ich nenne John Huston, Ernest ‚Papa‘ Hemingway,

“It is at this time that Hemingway began to be referred to as Papa, even by much older friends.” Quelle

Slim Aarons, John Morris, Will Lang,

”Lang was the first American reporter in Tunis after the Battle of the Kasserine Pass. He followed the battle campaign of General George S. Patton in Sicily.” Wikipedia

… Bill Mauldin (ein Cartoonist, der den Pulitzer-Preis zweimal gewann),

Ernie Pyle (Pulitzer-Preisträger)

“At the time of his death in 1945, Pyle was among the best-known American war correspondents. His syndicated column was published in 400 daily and 300 weekly newspapers nationwide. President Harry Truman said of Pyle: “’No man in this war has so well told the story of the American fighting man as American fighting men wanted it told. He deserves the gratitude of all his countrymen’.” Wikipedia

… Irwin Shaw, William Saroyan, George Stevens, Irving Reis, Warren Trabant,

nach dem Krieg Herausgeber der ersten deutschen Nachkriegsillustrierten. Heute erschien in der Regie der amerikanischen Militärregierung mit einer Millionenauflage von 1945 bis 1951,

… George Silk (ein neuseeländisch-australischer Fotograf), John Steinbeck und Robert Capa.

*

Auf Capri feiert Capa seinen dreißigsten Geburtstag am 22. Oktober 1943. Er ist auf dem Sprung an die Front, und schon lange nicht mehr so hochgestimmt und heiter wie bei älteren Fotofeldzügen. Ihm gefällt ein Vergleich, den heute niemand mehr gelten lassen darf.

„Der Krieg ist wie eine alternde Schauspielerin. Er ist immer weniger fotogen und wird immer gefährlicher.“

Capa brütet ein Unbehagen aus, dass er mit Churchill teilt. Beide fürchten, dass die Invasion Italiens – ‚Europas verletzlicher Unterleib‘ – ein katastrophaler Fehler“ gewesen sein könnte. In einem alpinen Niemandsland schließt er sich dem 504. US-Regiment an. Die Amerikaner haben deutsche Gebirgsjäger vor sich.

„Jeder neue Berg wurde von deutschen Elitetruppen besser verteidigt als der vorherige.“

Der Feind setzt auf Zermürbung. Seine Manöver sind hin- und aufhaltend. Sie verschleppen den alliierten Vorstoß nach Norden. Capa registriert skelettierte Bäume. Er sieht Leichen im Laub, die wie camouflierte Scharfschützen daliegen.

Das zähe Geschehen vollzieht sich im Schatten des Monte Pantano. Auf Touren kommt der Veteran in der Gesellschaft „hartgesottener Burschen, die den jungen Deutschen einen Mordsschrecken einjagten, wenn sie im Morgengrauen (aufgepulvert von einem Coup nach Partisanenart) auf dem Heimweg Vieh für Steaks zum Frühstück erschossen“.

Die „Draufgänger“ gehören zu den Special Forces. Speziell sind auch die zivilen Manieren der Mannschaftsgrade. Gemeine nennen Offiziere bei ihren Vornamen. Ihre Beziehungen zu New Yorker Unterweltgrößen wirken sich auf das Betriebsklima aus.

*

Am 22. Mai 1944 stimmt Dwight D. Eisenhower die kapitalsten Trossschwalben des anglo-amerikanischen Expeditionsheers in einem Londoner Club auf die alliierte Übernahme des festländischen Europas ein. Die Journalist:innen sind begeistert von der gut sortierten Bar; dem Resultat eines Schwarzmarktfischzugs.

Unter den High Potentials sind Hemingway und Capa.

„Von den hundertfünfundsiebzigtausend Männern, die den D-Day miterlebten, war Capa einer der wenigen, die dies freiwillig taten.“

Bald mehr.