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2022-01-06 07:46:04, Jamal Tuschick

KUNST & HALLEN. KUNSTSINN ÜBER MAUERN HINWEG. Die Kunsthalle Rostock in den Reinbeckhallen

Sozialistischer Realismus 2.0

Ich setze die Analyse künstlerischer Verkörperungen unserer Arbeitswelten im Rahmen einer Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Realismus in der Malerei fort. Heute konfrontierte ich die einst staatstragende Kunst eines Heinz Wodzicka oder Will Lammert mit meinem eigenen sozialistischen Realismus.

Wettrüsten versus -schmusen

Was wir gern vergessen. Wir stehen nicht seit jeher an der Spitze der Nahrungskette. Die längste Zeit waren Menschen Beute. Zu effektiven Jäger:innen wurden wir auf den Saumpfaden der kulturellen Evolution. An unserer genetischen Wiege sang uns keine(r) das Lied von Pfeil und Bogen. Heute herrschen wir über die Welt und sauen alles ein.

„Unsere Ernährung bestimmt, wer wir sind“, sagt Henry Mance. Deshalb dreht sich meine Geschichte um eine Kneipenküche. Mance bezieht sich auf Feinberg & Mallatt, die eine Theorie entwickelten, nach der das Bewusstsein eine Funktion der Jagd ist.

Das Bewusstsein kam ins Spiel, „damit die ersten Raubtiere ihre Beute erlegen und die ersten Beutetiere ihnen entkommen konnten“.

“About 520 to 560 million years ago, they explain, the great Cambrian explosion of animal diversity produced the first complex brains, which were accompanied by the first appearance of consciousness; simple reflexive behaviors evolved into a unified inner world of subjective experiences. From this they deduce that all vertebrates are and have always been conscious—not just humans and other mammals, but also every fish, reptile, amphibian, and bird.” Quelle

Der Neurologe Todd Feinberg und der Evolutionsbiologe Jon Mallatt vertreten die Auffassung, dass alle Tiere mit einer Wirbelsäule „einen Erfahrungsbegriff haben“.

Bereits die ersten Wirbeltiere brauchten für ihre „hochauflösenden Facettenaugen“ eine Verarbeitungszentrale. Sie machten sich ein Bild von der Welt, im Prinzip nicht anders als wir. Die Wissenschaftler erzählen den archaischen Standard, den wir unwillkürlich als Ausgangspunkt einer zu uns führenden Entwicklung begreifen, als Konkurrenzprodukt. Am Anfang habe es einen Wettbewerb schwimmender Würmer um die besten Sinnesorgane gegeben, um bei der großen Tombola des Lebens etwas länger als andere im Spiel zu bleiben.

Mance spricht martialisch von einem „Wettrüsten“ mit der Vorgabe, einen Vorsprung bei der „Verarbeitungsgeschwindigkeit“ herauszuschlagen. Es gibt natürlich auch das Wettschmusen. Siehe „Ein Fehler auf Feldern“.

Sozialistischer Realismus versus Usagi double-headed Tichi

Heinz Wodzicka, Junger Schweißer, 1969 © Jamal Tuschick

Leiko Ikemura, Usagi double-headed Tichi/ Will Lammert, Porträt Wilhelm Pieck © Jamal Tuschick

Ein Fehler auf Feldern

Im Karton der Vormittagsruhe knistert die Burg wie Seidenpapier. Alles grundfalsch, findet Jana, auch die Spritztour fast schon bis Dorthinaus war gestern Nacht ein Fehler auf Feldern.

Janas Erinnerungen kehren widerwillig im Gasthaus ihres verzagten Selbst ein. Jana hatte Gero Mandelstam zuerst nicht geglaubt, dass er wegen ihr das Kartenhaus seiner Verhältnisse bis zur Einsturzgefahr riskieren wollte. So gediegen, wie er sich eingerichtet hat. So toupiert und effektvoll, als gäbe es keinen Nachtschweiß und den Siff nicht in allen Rohren. Mandelstam arbeitet in einer Kochjacke, obwohl er keinen Beruf gelernt hat. Seine Frau ist aber Architektin.

Jana schob den männlichen Elan auf den Schnaps, Mandelstam hatte sie zur Kaschemme ohne Namen überredet – zwei auf Abwegen in einer verwinkelten Bude, Holz und Horn soweit das Auge reicht. Die gebeizte Bedienung marschierte grob auf.

Mandelstam erzählte von seiner Frau. Er parkte eine Hand auf einem Schenkel der interessierten Nachbarin, sie hatten beide schon an Telefonen gelogen. Mandelstam verlor seinen Kurs. Enttäuschung zog auf und zu allem Überfluss kam dann auch noch Ariane in die Kaschemme.

Jana drängte zum Aufbruch, es gab weit und breit kein Hotelbett, nur Feldwege, die sich wie unter einem Theaterhimmel aus Molton kreuzten, zerschossene Verkehrsschilder und Vögel, die auf ihre Nachtruhe pfiffen.

Lange nach Feierabend

Lonny verabschiedet sich mit einem Kratzfuß.

„Er hat das Bethmännchen beschissen“, sagt Otto Wundersamen in der Burgküche, „also bescheißt er uns auch.“

„Er war ein Manish Boy“, gibt Hermann zu Bedenken. Es gibt weit und breit keinen zweiten Hermann in seiner Generation. Aber auch Ottos einziger legitimer Sohn fürchtet, dass seine Bubenloyalität Lonny gegenüber nicht mehr angebracht sein könnte. Indem Otto der Große sieht, wie sehr sich dieser ganz anders als er geartete und doch so dem Wesentlichen aufgeschlossene Spross dem Geschäft gewachsen zeigt, erkennt er den Rivalen. Die Burg ist nicht groß genug für zwei Herren.

„Du kümmerst dich um Lonny.“

Heinrich sinniert sich aus dem Staub. Er denkt, wir bereiten uns auf ein Leben im All vor. Unsere Enkelinnen werden die Entfernungs- und Geschwindigkeitsrekorde ihrer Großeltern für getrabte Ausritte halten.

Doch noch leben alle im irdischen Testraum und sind auf Vorlauf geschaltet.

Sergio Miyake, geschieden, zwei Töchter, verkörpert den genussfähigen, im Ansatz kultivierten, markenbewussten und in sich ruhenden Supermann mit begehbarem Humidor. In seiner Wohnung wurden Filmszenen gedreht. Seine Poesie führt in die Keller des Existenzialismus als Rollkragenmode. Der Sohn einer sardisch-sardonischen Designerin und eines japanischen Schriftstellers, gibt für diesmal seine Lieblingsrolle als letzter Gast auf.

Jana verduftet in die Küche. Für heute hat sie fertig auf der Wirtshausbühne. Ihr widerfährt etwas beim Anblick des Erben. Hermann zerschneidet Tentakel und schwitzt Zwiebeln an. Gibt erst Chilischoten und dann Fisch zu den Zwiebeln. Er würzt mit Madras. Das Rezept stammt von der Königin von Saba*. Ohne es zu wissen, läuft Jana der Exilchilenin gerade den Rang ab. Ottos erotische Neugier lässt die Thüringerin moussieren. In Erwartung weiterer Handstreiche der Liebe changiert sie zwischen Vorsicht und Herausforderung. Otto trinkt Tierra Buena aus einem Glühweinglas. Er ist so stoned wie ein Gebirge.

Heinrich mischt dicke Bohnen unter getrocknete Tomaten.

„Greif zu“, sagt er zu Jana. Da fasst Otto mit der Hand wie mit einer Schaufel in die Schüssel und bietet sie voller Bohnen der Bedienung an.

„Noch ist nicht aller Tage Abend“, verkündet er aufgeräumt. „Mir ist eben, als könnte ich es hier aushalten, bis Ella kommt.“

Sogar niedrige Dienste sind in der Burg mitunter dynastisch geregelt.

Ella ist die Putzfrau. Als Tochter und Großnichte von Gattinnen wüster Taugenichtse, die im Reich der Wundersamen ihre Familien über Wasser hielten, bewirtschaftet sie einen Erbhof.

Heinrich fällt ein, dass sein Vater schon als Kind in dieser Küche war. Für den Sohn ist das eine ungeheure Vorstellung. Heinrich hat seinen Großvater kaum noch erlebt, und die Großmutter nur als üble Alte. Sie zerriss sich das Maul über Ottos Hypersexualität und seine Vorliebe für exotische Frauen.

*Bürgerlich heißt die Königin von Saba Duarte de Martinez. Sie zählte zum Küchentross von Salvador Allende. Als jener, entmachtet von Pinchot, sich 1973 gezwungen sah, an einem „historischen Scheideweg“ (Isabel Allende) seinem Leben die Bedeutung eines nationalen Symbols geben, glückte Duarte de Martinez die Flucht nach Deutschland. Sie zählte zu den Allende-Chileninnen, die im Westen landeten. Die enthusiastisch-sozialistische Köchin heuerte in der Burggaststätte des sagenhaften Otto Wundersamen an und wurde bald seine Geliebte. In drei Reihen stauten sich Männer am Buffet, um die wie auf einer Bühne hochfahrende, dramatisch rauchende „Indianerin“ zu bestaunen. Stammgäste gaben ihr dann auch den Namen Königin von Saba.

Aus dem Pressetext

Für diese Ausstellung reisen Werke aus dem Bestand der Kunsthalle Rostock nach Berlin in die Reinbeckhallen. Die Themen Ausstellungspolitik, die eigene Sammlung und insbesondere ihr Dialog mit dem Berliner Kunstleben werden aus Sicht beider Institutionen beleuchtet.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind Objekte aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock: Gemälde, Skulpturen, Druckgrafiken und Fotografien, von 1908 bis heute. Aber auch Einrichtungsgegenstände und die dokumentarische Präsentation von realisierten Ausstellungen geben einen Eindruck vom Programm und der Atmosphäre der Kunsthalle Rostock wieder.