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2022-01-03 08:17:31, Jamal Tuschick

Screenshot © Jamal Tuschick

Waffen- und Klassengeschwisterliches Kuscheln

Ossip Mandelstam weiß: Die Sturmspitze der Zukunft radiert „jedes teleologische Pathos“ aus. Darwin, so sagt es Mandelstam vielleicht in unbewusster Erwartung der Feuer, die ihn erwarten, nehme „der Natur gegenüber die Haltung des Kriegsberichterstatters“ ein. Mandelstams prophetische Klarheit beweist sich in der Figur des malenden Kriegers.

Die Patina eines utopischen Augenblicks

Zurzeit präsentiert die Rostocker Kunsthalle in den Berliner Reinbeckhallen Werke des sozialistischen Realismus. Die Bilder bieten sich dem Staunen an. Sie bewahren die Patina eines utopischen Augenblicks.

Was sich außerdem anböte. Nachdenken über DDR-Berufe wie Dispatcher:innen und Fachmethodiker:innen (siehe Haupttext). Es gab sogar eine Fachmethode, nach der staatlich organisierte Zersetzung widerspenstiger Bürger:innen gelehrt und betrieben wurde. Doch befasse ich mich nur mit den verpassten Chancen im Rahmen der Gesellschaftsidee DDR.

Screenshot aus einer NVA-Dokumentation zum künstlerischen Leistungsstand in der Armee. Wir sehen den dominanten Bruder als Braut © Jamal Tuschick

Links: Die Kunsthalle Rostock war zu DDR-Zeiten ein Labor des sozialistischen Realismus/ Rechts: Screenshot - Malende Berufs- und Zeitsoldaten treffen sich in Klein Nemerow zu Wochenendkonsultationen © Jamal Tuschick

Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit - Sozialistischer Realismus

Die Frontverläufe erscheinen konturenscharf. Hier lebt die Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft, da verrotten die Klassenfeind:innen in einem diskreditierten Gemeinschaftsformat. Der Historische Materialismus lehrt die Unumkehrbarkeit der Geschichte als Prozess der Menschheit über die Menschheit. Der Kommunismus überwindet den Kapitalismus im Klassenkampf. Garantiert werden die Apachen des Guten die letzte Palisade vor restlos entblößten, zutiefst korrumpierten Verfechter:innen des Bösen überwinden. In dieser Stimmung entsteht in der Deutschen Demokratischen Republik eine staatstragende Dokumentation, deren O-Ton ich transkribiert habe.

Wochenendkonsultationen

„Der gute Leistungsstand des bildnerischen Volksschaffens in unserer Armee bezeugen Arbeiten der Grenztruppen, der Stadtkommandantur Berlin und des Militärbezirks Neubrandenburg. Seit 1959 stellen sich die Neubrandenburger regelmäßig zu den Arbeiterfestspielen mit ihren Bildern und Grafiken vor.

Woher kommt diese beständige künstlerische Wirksamkeit?

Auf den ersten Blick ein stiller Ort voller malerischer Motive. Klein Nemerow im Bezirk Neubrandenburg. Hier treffen sich die Genossen der Arbeitsgemeinschaft regelmäßig zu Wochenendkonsultationen. Weniger ruhig geht es bei den künstlerischen und ideologischen Diskussionen zu. Hier reifen neue Projekte. Bisher entstanden die bekannten Zyklen Fahneneid, Soldaten des Volkes, Klassenbrüder, Waffenbrüder und Bruder Vietnam. Der Maler Friedrich Hitz und die Fachmethodikerin Annemarie Besenberg leiten seit Beginn 1956 - in enger Verbindung mit der politischen Verwaltung des Militärbezirks - die Arbeitsgruppe an. Eine klare und konkrete Aufgabenstellung durch den Kommandeur ist dabei für die Genossen von besonderer Bedeutung. Ein weiterer Faktor der jahrelangen, kontinuierlichen Arbeit ist die ständige Ergänzung durch interessierte neue Genossen … Alle haben viele zeichnerische Übungen machen müssen, ehe sie so überzeugende Werke wie Quartett oder Oktobersturm schaffen konnten.“

In der Uniform an der Staffelei

Sozialistischer Realismus - Was ist das?

Der/die eingebundene und qualifizierte Künstler/Künstlerin produziert auf dem Sockel von Annahmen, die im Westen als kontra-künstlerisch begriffen werden. Der/die malende Genosse/Genossin bleibt noch in der individuellsten Ausdrucksfindung im Gruppenbild.

Ich setze die Diskussion morgen fort.

Pressetext

Für diese Ausstellung reisen Werke aus dem Bestand der Kunsthalle Rostock nach Berlin in die Reinbeckhallen. Die Themen Ausstellungspolitik, die eigene Sammlung und insbesondere ihr Dialog mit dem Berliner Kunstleben werden aus Sicht beider Institutionen beleuchtet.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind Objekte aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock: Gemälde, Skulpturen, Druckgrafiken und Fotografien, von 1908 bis heute. Aber auch Einrichtungsgegenstände und die dokumentarische Präsentation von realisierten Ausstellungen geben einen Eindruck vom Programm und der Atmosphäre der Kunsthalle Rostock wieder. Diese Leihgaben, die in der Ausstellungshalle des ehemaligen Industriekomplexes der Stiftung Reinbeckhallen in Berlin-Schöneweide mit einigen Werken aus der Sammlung der Gastinstitution zu sehen sind, lassen konzeptuelle und thematische Gemeinsamkeiten erkennen. Diese Positionen werden mit Arbeiten von zeitgenössischen Künstler:innen, die in den letzten Jahren in der Kunsthalle Rostock ausgestellt haben, ergänzt. Beide Häuser reagieren somit auf die Nachfrage der Gegenwart nach einem gemeinsamen Dialog und einem Zusammenrücken.

Kuratiert wird die Ausstellung von Tereza de Arruda in Zusammenarbeit mit der Stiftung Reinbeckhallen und der Kunsthalle Rostock. Die Kunsthistorikerin ist seit 2016 als Gastkuratorin bei der Kunsthalle Rostock tätig und hat an verschiedenen Projekten der Stiftung Reinbeckhallen mitgewirkt.

Begleitet wird die Ausstellung von einem Programm bestehend aus Künstler*innengesprächen, Rundgängen und pädagogischen Führungen. Die Übersicht des Begleitprogramms finden Sie hier.

Der Katalog Kunst & Hallen. Kunstsinn über Mauern hinweg (Deutsch und Englisch) ist in der Stiftung Reinbeckhallen erhältlich oder online bestellbar. Weitere Informationen finde hier dazu hier.

Die Projekthomepage von Kunst & Hallen. Kunstsinn über Mauern hinweg ermöglicht Einblicke hinter die Kulissen und Interviews mit den teilnehmenden Künstler*innen.