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2021-12-15 06:12:41, Jamal Tuschick

Simulationen auf polierten Flächen

„Mit Wonne und Wehmut“ erinnert sich Susane an etwas, ohne mit der Erinnerung ein Ereignis verbinden zu können; wohl aber eine Person – den damals ungefähr vierzehnjährigen Gilles Principaux. Was passierte im Jugendzimmer eines Sohnes aus gutem Haus, während Susanes Mutter in der Küche die Sachen reicher Leute bügelte?

Marie NDiaye, „Die Rache ist mein“, Roman, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, Suhrkamp, 22,-

Feurige Zeitgenossenschaft

Aus dem Nichts einer abgesunkenen Vergangenheit taucht Gilles in Susanes Kanzlei auf. Unsicherheit ziseliert die Bewegungen des Besuchers. Aber da ist noch etwas anderes. Maître Susane weiß, dass ihre Reaktionen auf den Ängstlichen unangemessen sind. Gilles lässt an Mandantenhöflichkeit nichts zu wünschen übrig. Und trotzdem.

So beginnt ein spannender Roman. Susane tastet sich vor. Gilles deutet kein Wiedererkennen ab. Immerhin bestätigt er, in Caudéran aufgewachsen zu sein. Eben in diesem Viertel von Bordeaux glaubt Susane dem Hilfe Suchenden einst begegnet zu sein.

Gilles unterrichtet Geografie in Talence, einer von der Universität Bordeaux geprägte Stadt mit Vorortcharakter. (Nach den Mai-Unruhen von 1968 lagerte man großen Teile der Universität Bordeaux aus, um den Aufruhr vor den Toren der Metropole ins Leere laufen zu lassen.)

Gilles zählt zu jenen, die es fertig bringen, ein Baby „exzentrisch“ zu finden. Er engagiert Susane als Verteidigerin seiner Frau Marlyne. Sie soll ihre Kinder ertränkt haben. Eines stillte sie kurz vor der Tat.

*

Maître Susane ist eine Aufsteigerin im Mantel des Aktivismus. Sie beschäftigt eine migrantische Reinigungskraft allein aus Solidarität mit dem Globalen Süden.

Susane überlässt Sharon polierte Flächen für eine Simulation.

Susane erwartet nichts von der Prekären. Sharon will sich aber keine verkappten Almosen aufdrängen lassen. Sie fühlt sich vorgeführt und verschaukelt.

Sharon verweigert den unpassenden Schulterschluss. Sie findet ihre Arbeitgeberin lächerlich und hintergeht sie tatkräftig.

Zu den Merkwürdigkeiten ihres Lebens zählt Susane die Tatsache, dass die hart geprüfte Sharon Mitleid mit der Gönnerin zu haben scheint. Susane beansprucht für sich „Glut und Revolte“. Sie betrachtet sich als feurige Zeitgenossin, während Sharon heiter-ergeben in sich ruht.

Marie NDiaye hält sich mit diesem Gegensatz auf, vielleicht, um den Snobismus der Anwältin herauszustreichen. Dabei stammt Susane aus kleinen Verhältnissen. Der Ehrgeiz ihrer Eltern erschöpfte sich in der Förderung des einzigen Kindes. Man hob Susane blind über den eigenen Horizont; lustvoll entschlossen, sich selbst zu degradieren.

Es gab nichts Unbequemeres als einen Aufstieg für die Eltern. Die Mühe überließen sie der Tochter.

Ein schwacher Vater, eine heitere Mutter und ein sozialer Himmel voller Projektionen; das Übliche also, auch wenn Susane ihre Eltern für besonders schutzbedürftig hält.

Susane besucht ihre Ursprungsfamilie in La Réole. Untergraben von Ungewissheit, bittet sie die Mutter um Auskunft. Da gab es eine Familie im Viertel, zu der man in Kontakt stand, allerdings nicht von gleich zu gleich. Die Rede ist, na klar, von den Principaux‘.

Madame Susane lobt die Principaux‘ über den grünen Klee. Sie rühmt die gedankenlose Großherzigkeit der Leute.

Aus der Ankündigung

Maître Susane, 42, Anwältin in Bordeaux, erhält in ihrer Kanzlei Besuch von einem gewissen Gilles Principaux. Sie glaubt diesen Mann aus ihrer Jugend zu kennen: Da war eine Begegnung mit einem älteren, beeindruckenden Jungen aus reichem Elternhaus, die ihrem Leben eine ganz neue Richtung gab. Doch an das, was damals konkret geschah, erinnert sie sich kaum. Andeutungen ihres Vaters, der Junge könne ihr zu nahegekommen sein, weist sie empört zurück. Principaux bittet sie, die Verteidigung seiner Frau zu übernehmen, die ein entsetzliches Verbrechen begangen hat: Marlyne Principaux hat ihre drei Kinder getötet. Maître Susane übernimmt den Fall - und stürzt ins Bodenlose. Was ist los mit dieser Mutter? Welche Rolle spielen in all dem Maître Susanes maurizische Hausangestellte und deren Kinder? Wer ist dieser Gilles Principaux wirklich? Und ist sie selbst überhaupt diejenige, die sie zu sein glaubt? Eine Anwältin wird beauftragt, eine Mutter zu verteidigen, die ihre drei Kinder ermordet hat. Aber verbindet sie nicht mit dem Vater der Kinder eine folgenreiche Begegnung viele Jahre zuvor? Was ist hier Wahrheit, was Lüge? Und ist es möglich, ohne Gewissheit zu leben? Marie NDiayes aufwühlender Roman über eine Frau in einer Extremsituation ist in Frankreich das literarische Ereignis des Jahres: ein raffiniertes, abgründiges Spiel mit uns und unseren Erwartungen und Ängsten.

Marie NDiaye, 1967 in Pithiviers bei Orléans geboren, veröffentlichte mit 17 Jahren ihren ersten Roman; weitere Romane und Theaterstücke folgten. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise, u. a. den Prix Goncourt für Drei starke Frauen. NDiaye lebt in Paris.