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2021-12-08 08:06:44, Jamal Tuschick

Natascha Berglehner erzählt raffiniert. Ihr Romandebüt schillert wie eine Öllache. Wie viel Einverständnis, wie viel Abwehr steckt in in der Schilderung eines Verführers ohne Unrechtsbewusstsein?

Das Lob von Weissbooks für meine Besprechung ist schon da:
„Sehr schön!“

Natascha Berglehner © Christoph Kohlmeier

Ramponierte Erfahrungsknautschzone

In ihrem ersten Roman, „Im Zimmer ist Winter“, erzählt Natascha Berglehner von einem ruchlosen Schwimmlehrer, der in das Leben einer Schutzbefohlenen donnert und die Erfahrungsknautschzone der Jugendlichen ramponiert

„Doch es war bloß Oliver.“

Das bloß der Normalität ist beruhigend, aber zu wenig. Wenn sich Oliver meldet, ist es nur er. Dann ist alles so weit in Ordnung. Zwar in Ordnung, aber auch überschaubar und fad/ob in München oder Prag. Dem Verhältnis zu einem Schwimmlehrer fehlen die vertrauten Elemente. Am Anfang siezt Natascha Berglehners Heldin Adèle die Autorität mit der gemeißelten Brust.

„Wie gemeißelt“, schreibt die Autorin in einer Rückblende. In der Handlungsgegenwart überwindet die Erschlaffung die athletischen Körpermarken.

Natascha Berglehner, „Im Zimmer ist Winter“, Weissbooks, 221 Seiten, 22,-

Das Besondere der Geschichte offenbart sich im Aufgalopp. In einer Grauzone zwischen Missbrauch und dem Versagen fürsorglicher Instanzen beschleunigt ein Paar, das keines sein sollte, das Tempo einseitiger Verstörung. Alle Ampeln springen von rot auf grün, obwohl das Gegenteil angezeigt wäre. Berglehner schildert keinen das Verbotene anbetenden Leisetreter, dem das Wasser im Mund zusammenläuft und der sich sabbernd vortastet. Der Schwimmlehrer Jan erscheint als triumphierender Verführer. Der Roman gewinnt Tiefenschärfe an Stellen, wo die Erzählerin dem Selbstgewissen eine gewundene Art unterstellt, um gleich darauf sämtliche Schnörkel und Betulichkeits-Arabesken zu verwerfen. Ja, Jan müsste sich anschleichen, man erwartet das; aber er tut es nicht. Er donnert in das Leben der Schutzbefohlenen und ramponiert die jugendliche Erfahrungsknautschzone.

„Der Schwimmlehrer hatte sich einfach genommen, was er wollte.“

Das fällt Adèle ein, wenn sie am Saum männlichen Begehrens höfliche Zurückhaltung walten sieht.

„Die Hoffnung der Männer, sich mir nähern zu dürfen, war mir fremd.“

Berglehner findet erstaunlich unverbrauchte Bilder für das antike Poolspiel und seine Effekt-Evergreens vom Aufgussnebel bis zum dampfenden Lavastein. Irgendwann sieht Adèle Jan mit Alice.

Aus der Ankündigung

Ein erstaunliches Debüt, das das Tabuthema einer verbotenen Liebe in einer provozierend unschuldigen und beklemmend poetischen Weise darbietet. Von sanftem Kunstwillen getragen und mittels musikalischer Sprache verführt, merkt der Leser bis zum dramatischen Ende nicht, dass ihm längst jedes moralische Urteilsvermögen abhandengekommen ist. Ich würde fallen, keiner würde mich halten.

Als Schülerin hatte Adèle ein Verhältnis mit ihrem Schwimmlehrer. In ihrer Erinnerung verschwand er nach einer halbjährigen Beziehung einfach aus ihrem Leben. Ebenso wie ihr Vater, der kurz zuvor die Familie verließ, um mit einer neuen Frau zusammen zu sein. Seitdem lebt Adèle allein mit ihrer dominanten und wunderlichen Mutter, die sich nur noch für ihre Puppen zu interessieren scheint, in ärmlichen Mietverhältnissen. Als die jetzige Kunststudentin dem Schwimmlehrer nach neun Jahren zufällig wiederbegegnet, beginnt sie ihn heimlich zu verfolgen, und sich an die Erlebnisse von damals, besonders diese eine Schwimmfreizeit, zu erinnern. Ehe sie sichs versieht, droht sie in einem Strudel von verdrängten Verletztheiten und schmerzlicher Selbsterkenntnis unterzugehen …

Natascha Berglehner, geb. 1982 in München, wo sie heute auch lebt. Hat Innenarchitektur studiert, war als freie Mitarbeiterin für Architekturkundenzeitschriften tätig, arbeitet heute als Innenarchitektin. Und hat ihren ersten Roman geschrieben.