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2021-12-05 09:53:51, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Machiavellistische Intelligenz

„Es gibt keinen Dualismus von Geist und Gehirn, sondern nur einen funktionalen Unterschied zwischen bewusstseinsfähigen und nicht bewusstseinsfähigen Hirnzuständen.“ Gerhard Roth

Von den guten Gründen, die das Verhalten nach Roth nur vorgeblich steuern, glaubt Dara, sie ließen sich jedenfalls nicht restlos als post hoc Rationalisierungen erklären.

Gerkan winkt ab, Dara resigniert dekorativ (und sowieso nur zum Schein). Sie weiß aber auch:

„Wir haben das große Gehirn, um herauszufinden, was andere gegen uns im Schilde führen.“

Roth nennt das „machiavellistische Intelligenz“. Alle Handlungsbegründungen ergeben sich nach unfreien, da im Gehirn vor-geschriebenen Legitimationsabsichten gegenüber der Horde.

Alžběta streicht angespannt vorüber. Die andere Tschechin im Raum evoziert bei Dara das Bild von einem Fabelwesen zwischen Gazelle und Schakal. Sie drängt sich an Gerkan.

„Ich weiß, was du denkst“, kichert sie.

Dara drückt ein beschlagenes Glas gegen die Stirn, während sie sich selbst prüft. Sollte Gerkan etwas mit Alžběta anfangen oder bereits angefangen haben, wäre sie dann schon bereit, darin eine Vorlage für ihre eigenen Seitensprungabsichten zu erkennen?

„Glaub mir, mein Schatz, Alžběta frisst dich zum Frühstück und ist dann noch nicht satt. Du solltest dich an die Tschechin halten, die dich nicht einfach umbringt, bloß weil du ihr nicht gewachsen bist.“

„Jetzt übertreibst du“, antwort Gerkan versöhnlich. Er ist ein Aufsteiger wie aus dem Bilderbuch für gelungene Migration. Der erste mit Abitur in seiner Familie, folglich der erste Akademiker und dann gleich Arzt. Gerkan hält sich fit. Er macht sich nichts vor. Er erinnert Begegnungen mit Leuten, für die er der Ghetto-Gerkan geblieben ist.