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2021-07-15 03:48:52, Jamal Tuschick

Narrative Flaute*

*„Wenn Suchtgeschichten sich von der Dunkelheit nähren, von der hypnotisierenden Spirale einer fortgesetzten, sich ausweitenden Krise, dann erscheint die Genesung oft als narrative Flaute, als glanzloses Territorium des Wohlergehens.“

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Iowa Apartments Near Campus – So heißt eine Agentur, die den Wohnraum für Studierende in Downtown Iowa City makelt. Da landet die Kalifornierin Leslie Jamison in der Dodge -, Ecke Burlington Street. Sie ist einundzwanzig und von jetzt auf gleich ständiger Gast auf den Gartenfesten der Nachbarschaft. Die akademischen Zerstreuungen folgen einem schlichten Schema mit Leuchtgirlanden, Glühwürmern, Grillgut, Stechmücken und „Einmachgläser voller Rotwein“.

„Ich war hier, um am Iowa Writers’ Workshop meinen Master in Kreativem Schreiben zu machen, einem Studiengang, der vor Geschichtsträchtigkeit nur so strotzte. Ich hatte den Eindruck, als verlangte der Studiengang in einem fort Beweise, dass man es verdient hatte, hier zu sein.“

Jamison bewegt sich in einem Milieu, das täglichen Alkoholkonsum als Normalität im Rahmen einer aufgeschlossenen Gemütlichkeit erscheinen lässt.

Nachts treibt die angehende Schriftstellerin Unruhe auf die Straße. „Ich (fuhr) raus aus der Stadt, vierzig Meilen auf der Interstate 80 nach Osten, zur größten Lkw-Raststätte der Welt“.

„IOWA 80 - der größte Truckstop der Welt - Nach seinem Ausbau 1996, der etwa 3,5 Millionen Dollar kostete, ist der Iowa 80 auch offiziell der größte Truckstop der Erde und allein schon aus diesem Grund ein Paradies für Trucker.“ Quelle

Jamison lässt ihre Rauschzeit aufleben. Vor einer Kulisse aus Campus und Maisfeld kokst sie zum ersten Mal in der Gesellschaft eines Kommilitonen, dessen Interesse ihr interessant genug erscheint.

„Eigentlich waren es ja immer die anderen, die wahrgenommen wurden, die Felicitys dieser Welt, aber jetzt legte dieser Typ hier Blood on the Tracks auf.“

Eingebetteter Medieninhalt

Der einsamste Wal der Welt

Leslie Jameson spekuliert nicht. Sie vermeidet steile Thesen und verrät ihre Gegenstände nicht an feuilletonistisch knallende Formulierungen. Im ersten Essay beschreibt sie die Wirkung, die ein niemals von Menschen visuell identifizierter, nur auf der Basis von Audiodaten bekannter Wal zumal in den sozialen Netzwerken auslöste. Niemand weiß, ob der Blauwalbulle tatsächlich so isoliert existiert, wie es Tontechniker:innen auf einer Marinebasis vor der Küste von Washington vorkommt. Seine Stilisierung zum einsamsten Wal der Welt fußt auf einem kleinen Ausschnitt aufgeschnappter Signale. Die Autorin schreibt: „Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“

Der Kampfpilot im Kinderzimmer

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Mit zwanzig gründete die Berlinerin ihren ersten Salon. Clemens Brentano und Friedrich Schleiermacher kamen. 1806 marschierte Napoleon unter den Linden auf und Varnhagen begegnete ihrem Mann. Er war vierzehn Jahre jünger. Varnhagen erlebte mit ihm eine soziale Talfahrt, bevor sie wieder als gastgebende Hausherrin in der Französischen Straße Hof hielt.

In ihrem Tagebuch meldete sie ihre Träume, von denen fünf zentral waren. Sie wurden 1812 notiert. Im Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz visualisierten sich die Träume neu: „Hören Sie diesen Traum. Es war ein großes Diner, man hatte auch schon Licht, denn es war Abend.“

Varnhagens Handschrift ist kaum zu entziffern. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen.

„Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“

Varnhagen ließ sich im Alter von dreiundvierzig Jahren taufen. Sie strebte Assimilation (vergeblich) an. In den Träumen trat ihr Zorn auf: „Der Traum schreckt vor nichts zurück.“

Leslie Jameson, „Es muss schreien, es muss brennen“, Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

Mit den gestalteten Träumen reagierte Varnhagen auf gesellschaftliche Gestaltungshemmnisse. Das lässt sich leicht verstehen. Weit schwieriger fällt eine plausible Erklärung für die phantasmagorische Traumproduktion eines amerikanischen Kindes. In dem Essay „Wir erzählen uns Geschichten, um wieder zu leben“ ergründet Leslie Jameson erstaunliche Vorgänge.

„Im April 2000 begann der kleine James Leininger aus Louisiana regelmäßig von Flugzeugabstürzen zu träumen.“

Da ist James noch nie geflogen. Eine bizarre Präzision schleicht sich in seine Deutungen. Schließlich verkündet er seinen Eltern visionär, in einem früheren Leben Kampfpilot gewesen und abgeschossen worden zu sein. Die Schote garniert er mit schwer errreichbarem Wissen.

„Er sei eine Corsair geflogen ... (und) von einem Schiff namens Natoma gestartet. Seine Eltern hatten nie mit ihm über den Zweiten Weltkrieg gesprochen.“

James trifft lauter Nägel auf den Kopf. Er erinnert die Namen seiner gleichfalls abgeschossenen Kameraden. Sein Vater verifiziert die Richtigkeit der Erinnerungen auf einem Veteranentreffen.

Im Auftrag eines New Yorker Magazins besucht Jameson den Psychiater Jim Tucker, der „eine Datenbank von Kindern mit Erinnerungen an frühere Leben“ aufgebaut hat, in einem Forschungsinstitut namens Division of Perceptual Studies (DOPS) in Virginia. Die Autorin weiß, dass von ihr ein kritischer Beitrag erwartet wird. Sie sperrt sich gegen die rationale Automatik und reißt en passant den Horizont ihrer Alkoholsuchtbekämpfung durch dirigierte Abstinenz im Kreis der Anonymen Alkoholiker:innen auf. Sie will für Ungewöhnliches (Seelenwanderung inklusive) offen sein, um von einer Genauigkeit zu profitieren, die sich in den Nebeln einer aufgeklärten Existenz einfach übersehen lässt.

Jameson besucht Leute, die sich an frühere Leben erinnern und als Kinder (angeblich) mit „alten Seelen“ Anpassungsschwierigkeiten an die Gepflogenheiten Gleichaltriger hatten. Sie entdeckt einen Mechanismus: die Dynamik der Selbstverstärkung. Bei den Leiningers dreht sich alles um James' „Reinkarnation“. Man korrespondiert sogar mit der Schwester jenes Piloten, den James (angeblich) inkarniert. Merkwürdigerweise zeigt der Heranwachsende das geringste Interesse am Thema.

Der Vater klebt obsessiv daran. Er vermarktet die Geschichte und geht in ihr auf, während James sie gerade hinter sich lässt. Der Sohn braucht sie nicht mehr.

Jameson analysiert die Verlockungen und Fallstricke überfrachteter Interpretationen kindlicher Phantasieproduktionen. Sie isst mit den Leiningers in einem kreolischen Restaurant zu Abend. Unter einem ausgestopften Alligator erkennt sie den grotesken Transfer. Der Vater nutzt den Unsinn seines Sohnes, um dem eigenen Leben Sinn zu geben. Das funktioniert natürlich nur auf einer Folie wahnwitziger Verblendung. Der Nutznießer bewegt sich längst auf einer Metaebene. Da rettet er als Spezialist von eigenen Gnaden amerikanische Geschichte vor dem Vergessen. Herr Leininger spielt sich als Bewahrer auf.