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2021-07-03 06:13:35, Jamal Tuschick

Kitesurfer Putin über der Krim © Jamal Tuschick

Ossip Mandelstam nimmt Wladimir Putin vorweg. Der Dichter sieht eines Tages (zwischen 1925 und 1929) im Kino eine „ungeheuerliche Zusammenkleisterung“.

Da geht Mandelstam ein Licht auf:

„Die Krim mit ihren Hammelfleischklößen und Minaretten ist schon an sich ein verführerisches Objekt für kinematografische Überfälle.“

Auch das Weitere passt. Im Film sprechen Forschungsreisende mit Grimm von ihrer Krim-Expedition, „als handle es sich um die Erforschung von Tibets tiefstem Inneren“.

Ossip Mandelstam, „Gespräch über Dante, Gesammelte Essays II 1925-1935“, herausgegeben von Ralph Dutli, Ammann Verlag 1991

Russische Randvölker

Der Filmtitel lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Offenbar rezensiert Mandelstam eine Pseudodokumentation mit sowjetsozialistischem Moritatencharakter. Der Kritiker macht dem Regisseur eine unrealistische Darstellung zum Vorwurf. Tatarische Gauchos legen den Kreispolizeichef mit einem Lasso an die Leine und verschleppen ihn in die malerischste Prärie. Es ergibt sich die Entwaffnung bewaffneter Reiter:innen unter den Vorzeichen eines Kinderspiels.

„All das wird ungestraft dem … sanftesten aller (russischen) Randvölker … angedichtet.“

Man beachte Mandelstams imperiale Perspektive. Für ihn ist alles Peripherie, was nicht Moskau ist. Mandelstam antizipiert Putin auch an dieser Stelle.

Der Erzähler im Film steigt in eine Höhle auf der Krim, wo Veteranen einer tatarischen Revolution ihr rustikales Arsenal präsentieren.

Die greisen Kämpen sind in ihrer pittoresken Isolation verwildert.

„Mit dieser Pistole habe ich noch gegen die Polizeitruppe des Khans gekämpft.“

*

Mandelstam moniert den Höhlentourismus, indem er sich über die Filmschaffenden lustig macht. Jane Jakarta hebt den Schatz zur Belehrung ihrer Gong-fu-und-Karate-Schülerin Letícia Ulbricht. Letícia trainiert heimlich, um nicht offen mit ihrer Gattin Majesty Fontainebleau-Kimura (ja, ich rede von der BJJ-Koryphäe MFK) konkurrieren zu müssen. In ihrem Leben ist schon jede Menge versandet, wenn nicht sogar richtig schief gegangen, aber die Brasilianerin Letícia hält sich passabel im Mahlstrom eines Weilers in der Gegend von Taorminally im US-Bundesstaat Kentucky. Einvernehmlich fremdgängerisch irrlichten Majesty und Letícia über den Parcours eines verschrammten Suburbia-Mittelstandes.

Die Mama-Mumien tratschen beim alkoholfreien Spritz

Eines Tages traf Letícia die stellvertretende Bürgermeisterin von Taorminally in der einzigen Bar vor Ort. Auch wenn das politisch nicht korrekt ist, sage ich doch, wie die Leute das Ding nennen - Mummy's Daily Break. Der Volksmund spielt mit der phonetischen Nähe von Mummy (Mumie) und Mommy (Mama). Die Mama-Mumien tratschen beim alkoholfreien Spritz.

Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides

Alkohol ist out. Es wird nicht geraucht. Aber es gibt immer noch den alten Swingerinnendrive, die Milf-Mom-Monomanie. Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides ist mit einem Mann verheiratet, und sogar mit einem dieser Babyboomer, die früher ihre Familien in Vorstadthöllen schmoren ließen, während sie selbst in New York oder Chicago on the wild side steil gingen. Das macht heute keiner mehr. Ein alkoholfreies Bier vor dem kalten Grill in Gesellschaft alleingelassener Ehemänner, deren Frauen es in Mummy's Dealy Break krachen lassen, gilt als Feierabendhöhepunkt.

Izidoro Meletis-Zeleias Gatte wirkt stets ein bisschen zu bedrückt und zu bemüht. Er hat aus der Beflissenheit eine Nummer gemacht.